Meine Gottimaitlis begleiten mich ab und zu an politische Veranstaltungen. Das Rahmenprogramm finden sie meistens grossartig, während der Teil mit den Ansprachen regelmässig unter "eher schwierig" fällt.
Heute war wieder so ein Tag. Wir waren gemeinsam an einem Anlass und wie das eben so ist: Zum Auftakt gab es zuerst einige Reden, darunter auch eine Ansprache von mir. Meine Gottimaitlis warteten gähnend darauf, dass das "Bla-Bla" endlich vorbei ist und der spannende Teil beginnt.
Da sagte eines meiner Gottimaitlis trocken zu mir: "Die, die reden, haben es gut. Die müssen nicht zuhören."
Zuerst musste ich lachen. Dann habe ich verstanden, dass darin mehr Wahrheit steckt, als uns Rednerinnen und Redner vielleicht bewusst ist.
Denn eigentlich hat sie damit etwas beschrieben, das ich komplett ausgeblendet hatte: Reden ist nicht einfach nur Sprechen. Reden ist auch ein Privileg. Wer redet, bekommt Raum. Aufmerksamkeit. Einfluss. Wer redet, darf bestimmten, worüber gesprochen wird. Und wie lange.
Zuhören hingegen braucht manchmal ziemlich Geduld. Man muss warten. Sich zurücknehmen. Still sein, bis man endlich auch einmal dran kommt.
Darum ist Zuhören vermutlich die anspruchsvollere Fähigkeit als Sprechen. Denn wer zuhört, muss aushalten, dass die Welt für einen Moment nicht um die eigene Meinung kreist. Wer zuhört, muss bereit sein, sich irritieren zu lassen. Vielleicht sogar merken, dass die eigene Sicht nicht die einzige ist. Dass ein anderer Mensch andere Gründe hat. Dass hinter einem Satz mehr steck als nur Worte.
In der Politik reden wir viel über Dialog. Über Austausch. Über Debatte. Aber oft meinen wir damit: Ich sage meine Meinung. Du sagst deine Meinung. Und am Schluss bleibt jeder dort, wo er schon vorher war.
Wer zuhört, versteht mehr. Wer redet, bekommt Raum. Aber wer sprechen darf und dabei wirklich gehört wird, hat vielleicht das grösste Glück von allen. Und manchmal braucht es ein Kind, um uns daran zu erinnern.
