Die Rudolfs in unserem Leben

Die Rudolfs in unserem Leben

Ich weiss, Weihnachten ist weit weg und Rudolf das Rentier hat gerade Pause.
Gut so.
Denn es geht hier nicht um Weihnachten. 
Es geht um dieses eine Versprechen, das uns Filme, Lieder und Märchen seit jeher machen: Der Aussenseiter gewinnt am Ende.

Das hässliche Entlein wird zum Schwan.
Das unbeholfene Kind entdeckt plötzlich ein verborgenes Talent.
Das Mobbing-Opfer rettet am Ende die ganze Gruppe.

Und dann gehören sie endlich dazu. Applaus! Musik. Abspann.

Eine schöne Botschaft meinst du? Das sehe ich anders.

Denn was diese Geschichten wirklich aussagen ist: Du bist nicht genug.
Die Message lautet: Wenn deine Nase rot leuchtet, darfst du nur dazugehören, wenn du etwas leistest, das gross genug ist, um alle zu beeindrucken.

In Filmen, Geschichten und Liedern passiert es denn auch genau so:
Rudolf wird dank seiner leuchtenden Nase zum Retter im Schneesturm.
Dumbo hebt plötzlich ab - ausgerechnet wegen der Ohren, über die alle gelacht haben.
Wie praktisch!

Im echten Leben gibt es aber meistens keinen dramatischen Wendepunkt. 
Kein "Jetzt sehen plötzlich alle, wie toll du bist".
Und der Grund, für den du verspottet wirst, wird leider selten zur gefeierten Stärke.

Tatsache ist: Die meisten Rudolfs werden nie die Gelegenheit bekommen, sich in grossen Momenten zu beweisen.

Sie gewinnen keinen Superbowl.
Schiessen nicht das entscheidende Tor.
Bekommen keinen filmreifen Glow-up.

Und trotzdem sind sie da. Mit ihrer leuchtenden Nase. 
Und wollen einfach nur dazugehören.

Die richtige Botschaft in diesen Geschichten müsste aus meiner Sicht deshalb eine andere sein.
Nicht: Der Aussenseiter wird irgendwann einer von uns.
Sondern: Warum war er überhaupt nie einer von uns?

Denn ich glaube, in einem sind wir uns alle einig: 
Niemand möchte ausgeschlossen sein.

 

 

 

 

Wie die Götter im Olymp

Wie die Götter im Olymp

Vorwort

In diesem Blog geht es nicht um die olympischen Spiele, die wir gerade in Mailand verfolgen können. Und auch nicht um die Fasnacht oder das höchste Gebirge Griechenlands.

Es geht um den Wohnsitz der Götter, wie wir ihn aus der Mythologie kennen. Der Olymp gilt als Heimat der zwölf olympischen Götter, angeführt von Zeus. Die Götter lebten dort nicht in asketischer Distanz, sondern mit sehr menschlichen Zügen: Sie feierten, stritten, liebten, intrigierten und mischten sich in das Leben der Menschen ein.

Vom Olymp aus bestimmten die Götter das Schicksal der Menschen: Sie entschieden über Krieg und Frieden, sie griffen in Heldengeschichten ein, sie belohnten und bestraften. Der Berg war also nicht nur ein Wohnort, sondern ein politisches Machtzentrum der göttlichen Ordnung. Die Götter waren mächtig, aber auch eitel, neidisch, impulsiv, willkürlich und grausam.

In diesem Blog geht es um die symbolische Bedeutung. Der Olymp steht bis heute für höchste Autorität, Macht und Distanz sowie ein abgeschottetes Zentrum, in dem über andere entschieden wird.

Kurz: Es geht um eine Elite, die über allem steht. Es geht um Epsteins und P. Diddys.

 

Wie die Götter im Olymp

Hoch über den Tälern erhob sich der Olymp, im reinen Glanze, darin kein Schatten verweilte.
Dort oben waltete eine Ordnung eigener Art, nicht wie unter den Sterblichen, sondern wie sie nur den Unsterblichen geziemt. Die Götter wandelten einher gleich den Wettern des Himmels: Bald still, bald stürmisch, bald von sanfter, bald von furchtbarer Gestalt.

Wenn den Zeus ein Begehren ergriff, so ward es alsbald Wirklichkeit. Er nahm mannigfache Gestalt an, ward zu Licht und Tier, zu Stimme im Wind, und trat hinab zu den Menschen, als sei ihre Welt ihm von jeher zu eigen. Poseidon liess die Meere erbeben, sooft ihn der Zorn berührte, und Dionysos trieb die Feste bis an den Rand des Wahnsinns, dass Rausch und Wahrheit ineinanderflossen wie Wein und Wasser.

Im Olymp galt Macht nicht als Bürde, sondern als Freiheit.
Freiheit von Folge und Rechenschaft.
Freiheit vom Mass.

Es standen dort oben Hallen von grosser Pracht, dem Blick der Neugier entzogen. Bewunderung wuchs empor gleich Efeu an goldenen Säulen. Einladungen wurden leise gegeben, und Türen schlossen sich mit stiller Hand. Wer Einlass fand, bewahrte Schweigen; wer draussen blieb, ahnte nur, dass hinter dem Glanze noch anderes wohnte als Klang und Gesang. Widerspruch verflog wie ein Laut im Winde.

Unten im Tale aber lebten die Menschen, deren Haut verwundbar war und deren Tage gezählt. Ihre Leiber kannten den Schmerz, und ihre Seelen die Scham. Sie mussten tragen, was ihnen widerfuhr, und ausharren unter dem Gewicht des Geschehens.

Im Olymp entstanden wohl Zeichen und Zeugnisse, Worte auf Pergament, Bilder im Verborgenen bewahrt. Es waren Erinnerungen, die besser im Dunkel verweilten. Stille ward demnach zur Münze, und Treue zur Pforte, durch die man eintrat.

Und mit der Zeit wandelte sich der Blick derer, die dort wohnten. Denn wer unablässig von Zustimmung umgeben ist, der beginnt sich selbst als Ausnahme zu erkennen. Abstand wird ihm zur Gewohnheit, und Nähe erscheint fremd. Die andern verlieren ihre Gestalt und werden zu blossen Figuren in einem Spiele, das der Mächtige selbst entworfen hat.

So entsteht die Hybris.
Langsam. Fast unmerklich.

Ein Mensch hebt sich ein wenig empor, und dann noch ein wenig. Und eines Tages vermag er die Gesichter unten nicht mehr klar zu sehen. Er schaut nur noch in die eigene Weite und hält Bewunderung für Unverwundbarkeit.

Die alten Mythen aber künden von Stürzen: Von Titanen, die unter Felsen begraben wurden, und von Göttern, die meinten, der Himmel sei ihnen allein bestimmt.
Denn jede Höhe trägt ihre eigene Gefahr in sich. Wer lange auf ihr verweilt, gewöhnt sich an die Aussicht und vergisst den Abgrund unter sich.

Man suche den Olymp nicht im Gebirge, sondern im Zustand der Macht. Denn der Olymp ist kein wirklicher Sitz, sondern ein Sinnbild.
Er entsteht überall dort, wo Macht sich selbst genügt, wo Reichtum Räume schafft, darin Kontrolle als Last empfunden wird und Grenzen als Kränkung. 
Dann wird der Himmel weit und die Erde darunter unsichtbar.

Doch die Schwerkraft bleibt — und sie erreicht selbst jene, die sich göttlich dünken.

Wo ist der Haken?

Wo ist der Haken?

Der Himmel ist blau.
Die Sonne scheint.
Ein perfekter Frühlingstag.

Früher hätte man einfach gesagt: Was für ein schöner Tag!

Doch heute springt dir direkt eine Schlagzeile ins Gesicht: "Temperaturen im «frühlingshaften Bereich»: Doch es gibt leider einen Haken"

Saharastaub. Plötzlich sieht man ihn überall. 
Der Himmel ist milchig.
Der Sonnenschein getrübt.
Der perfekte Frühlingstag wird zum Tiefdruckgebiet "Regina", welches von Marokko her Staub nach Mitteleuropa transportiert.

Dieses Wissen fühlt sich direkt an wie eine Staubschicht auf meiner Freude am schönen Wetter.
Und ich frage mich: Leben wir eigentlich in einer Zeit, in der alles einen Haken hat?

Unsere Generation weiss sehr viel über die Welt.

Wir wissen, dass der Himmel nicht nur blau ist, sondern voller Aerosole.
Wir wissen, dass Wüstenstaub aus Afrika bis zu uns fliegen kann - und dass diese Partikel das Sonnenlicht streuen.

Der Sonnenuntergang ist nicht mehr einfach schön - 
er ist ein Zusammenspiel von Aerosolen, Streuung und Luftfeuchtigkeit.

Das Essen ist nicht nur lecker - 
es ist CO2, Tierhaltung, Transportwerge.

Die Ferienreise ist nicht nur Erholung - 
sie ist auch Klimabilanz.

Wir wissen mittlerweile immer, was hinter den Dingen steckt.
Das ist grossartig.
Aber es hat eine Nebenwirkung: Es macht die Welt nüchtern.

Selbst ein perfekter Frühlingstag bekommt plötzlich eine Fussnote. Es ist, als ob wir gelernt hätten, hinter jeder Freude ein kleines Sternchen zu setzen.*

*Na, heute schon ein schlechtes Gewissen gehabt?

 

Vielleicht gehe ich auch einfach falsch an die Sache ran.

Denn Wissen muss nicht zwingend ein Verlust von Zauber sein, sondern kann das Staunen auch vertiefen.

Plötzlich wird aus einem perfekten Frühlingstag eine unglaubliche Geschichte:

Ein Sturm irgendwo in der Sahara.
Ein Wind, der Staub kilometerweit in die Höhe trägt.
Eine Reise über Kontinente.
Und schliesslich ein Hauch Wüste in den Alpen.

Der Haken gibt uns vielleicht die Chance, die Welt auf zwei Arten zu betrachten.

Die erste Art ist analytisch: Sie fragt nach Ursachen, Risiken, Zusammenhängen.

Die zweite Art ist menschlich. Sie sagt nur: Wie schön!

Beide Perspektiven dürfen nebeneinander existieren.

Man kann wissen, dass Saharastaub den Himmel trübt -
und trotzdem den schönen Tag geniessen.

Man kann über Klimapolitik diskutieren - 
und trotzdem das Reisen lieben.

Man kann die Welt verstehen wollen - 
und sie gleichzeitig einfach erleben.

Und gerade deshalb sollten wir öfters:
Einfach im Gras zu sitzen.
Die Sonne im Gesicht.
Den Himmel anschauen.

Mit Staunen. Mit Freude.

Wehret den Anfängen – oder warum grausame Menschen keine Macht haben dürfen

Wehret den Anfängen – oder warum grausame Menschen keine Macht haben dürfen

Die Handlungen sind nicht die gleichen – die Haltung aber schon.

Wer heute auf staatliche Gewalt, willkürliche Inhaftierungen, Abschiebungen ohne rechtsstaatliche Garantien oder systematische Entmenschlichung blickt, sollte vorsichtig sein mit historischen Vergleichen. Und doch wäre es fatal, den Schluss zu ziehen, dass sich gewisse Muster nicht wiederholen könnten.

Denn Massenmorde beginnen nicht mit Massengräbern.
Sie beginnen mit Sprache.
Mit Propaganda.
Mit dem schleichenden Verlust von Empathie.

Sie beginnen dort, wo komplexe Probleme plötzlich „einfache Schuldige“ bekommen.
Wo ganze Menschengruppen zu Belastungen, Gefahren oder Kostenfaktoren erklärt werden.
Wo suggeriert wird, dass alles besser würde, wenn „diese Leute“ endlich weg wären.

Das ist keine historische Ausnahme. Das ist ein universelles Muster.

In jedem bekannten Fall massiver staatlicher Gewalt – ob in Europa, Afrika oder Asien – ging der Eskalation eine Phase voraus, in der Menschen systematisch entmenschlicht wurden. Nicht als Individuen, sondern als Kategorie. Als Problem. Als Störung. Als Risiko.

Die eigentliche Gefahr liegt deshalb nicht nur in einzelnen Massnahmen, Behörden oder Regierungen.
Sondern sie liegt in der Denkweise, die dahintersteht.

In der Haltung, dass gewisse Menschen weniger wert seien.
Dass man über sie verfügen dürfe.
Dass ihre Rechte relativ seien.
Dass ihre Existenz verhandelbar sei.

Grausame Menschen sollten keine Macht haben.
Nicht, weil sie „böse“ sind – sondern weil sie strukturell gefährlich sind.

Denn sie unterscheiden nicht zwischen Freund und Feind.
Sie unterscheiden nur zwischen nützlich und hinderlich.
Zwischen heute loyal und morgen verzichtbar.

Totalitäre Persönlichkeiten haben kein stabiles Wir-Gefühl.
Sie haben nur Opportunitäten.

Das zeigt die Geschichte immer wieder:
Revolutionäre werden zu Verrätern.
Weggefährten zu Gegnern.
Helden zu Kollateralschäden.

Willkür frisst früher oder später alle.
Auch die, die sie anfangs bejubeln.

Deshalb ist „Wehret den Anfängen“ nicht nur ein moralischer Appell, sondern auch ein durch und durch rationaler.
Nicht nur ein Ausdruck von Nächstenliebe – sondern auch von Selbstschutz.

Wer heute glaubt, die Brutalität unserer Idole treffe „nur die Richtigen“, verkennt das Wesen von Macht.
Sie bleibt nie dort stehen, wo man sie ursprünglich rechtfertigt.
Sie sucht sich immer neue Zielscheiben.

Fakt ist: Grausamkeit an der Macht verbessert nicht die Welt – sie entstellt sie.

Und genau deshalb beginnt die eigentliche Verantwortung nicht erst bei den Tätern, sondern viel früher:
Bei der Wahl dessen, wem wir zuhören.
Wem wir folgen.
Wen wir für „stark“ halten.
Wessen Menschenbild wir tolerieren.
Und wem wir unsere Stimme geben.

Migration, Sicherheit, soziale Spannungen, wirtschaftliche Ängste – all das sind reale Herausforderungen.
Und dennoch: Die Probleme unserer Zeit lassen sich lösen.
Aber sie lassen sich nicht lösen, indem man in einen blinden Blutrausch verfällt.

Denn am Ende trifft die Logik der Grausamkeit immer auch uns selbst.

Wenn wir sie also nicht aus Idealismus bekämpfen, dann zumindest aus Selbstschutz.