Von dem Gefängnisse der Liebe

Von dem Gefängnisse der Liebe

Die Liebe ist ein Gefängnis, darin der Mensch sich selbst zum Wärter macht.

Kein Geschöpf ist törichter als der Liebende, denn er erkennt die Wahrheit und verleugnet sie zugleich.

Rot sieht er wohl als rot, doch nennt er es wissentlich grün und hält seine eigene Täuschung für höhere Einsicht.

Die offenbarste Lüge wird ihm zur Offenbarung, das lauteste Warnzeichen zum blossen Geräusch.

So bekämpft er die Wirklichkeit mit der ganzen Gewalt seines Begehrens, bis nicht mehr die Welt ihm fremd ist, sondern er sich selbst.

Freiwillig tritt er in die Falle, die er Schicksal nennt, und legt dort den Verstand ab wie ein unnützes Werkzeug.

In diesem Kerker nährt er sich von Trugbildern, vertauscht Erkenntnis gegen Hoffnung und Klarheit gegen süsse Fieberträume, bis ihm zuletzt nur noch eine Freiheit bleibt: dass der Tod vollendet, was die Liebe begonnen hat.


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