Wurde ein Wal zur Projektionsfläche einer Zeit, die sich verzweifelt nach guten Nachrichten sehnt?
Seit Wochen hält uns der Überlebenskampf eines Buckelwals in der Ostsee in Atem. Die Welt blickt wie gebannt auf sein Schicksal und kann den Anblick dieses Dramas kaum ertragen. Menschen gehen emotional und physisch an ihre Grenzen beim verzweifelten Rettungsversuch. Und je länger es dauert, umso mehr wandelt sich die Verzweiflung in schiere Aggression. Und das in einem Ausmass, das ich noch nie so erlebt habe.
Ein Tier in Not erschüttert die meisten Menschen unmittelbar. Fast von selbst regt sich dann der Wunsch, zu helfen. Und doch frage ich mich in diesem besonderen Fall, ob viele in diesem Wal längst mehr sehen als ein leidendes Lebewesen. An ihm verdichtet sich nahezu alles, was für unsere Gegenwart steht: Hilflosigkeit, Rettungssehnsucht, Schuld, Hoffnung und Dramatik. Der Wal von Poel ist vielleicht zu einem emotionalen Symbol geworden. Dass die Rettungsaktion zwischenzeitlich auch von Erschöpfung und Konflikten überschattet wird, zeigt umso deutlicher, wie sehr sich der Fall aufgeladen hat.
Ich denke, nach all den Schreckensnachrichten der letzten Wochen und Monaten und den schlimmen Bilder, die uns aus der ganzen Welt pausenlos erreichen, ist in uns der Wunsch gewachsen, dass wenigstens irgendwo noch etwas gut ausgeht. Wir wünschen uns nichts mehr, als dass diese Geschichte ein gutes Ende nimmt.
Tröstlich für mich daran ist, dass die Menschen immer noch mitfühlen und sich nach einem guten Ausgang sehnen. Traurig ist, dass diese Erwartungen vermutlich (erneut) enttäuscht werden und wir wieder kein Happy End bekommen.
Der Wal da draussen im Wasser trägt deshalb vielleicht mehr als nur sein eigenes Schicksal. Er trägt für einen kurzen Moment auch unsere stille Bitte mit: Dass nicht alles verloren sein möge. Dass Rettung noch möglich ist. Dass sich Anstrengung lohnt. Dass am Ende nicht immer das Dunkle gewinnt.
Dieser Wal ist längt nicht mehr nur ein Wal. Er trägt die Sehnsucht einer erschütterten Gegenwart, dass wenigstens irgendwo noch etwas Gutes möglich ist.
