Die Grüsel-Brille

Die Grüsel-Brille

Sie sind kaum auf dem Markt, erregen sie schon viel Unmut: Smart Glasses.

Brillen, die aussehen wie ganz normale Brillen, nebenbei aber filmen, fotografieren und Ton aufnehmen können. Die Menschenrechtsorganisation HateAid geht in Deutschland inzwischen gegen den Vertrieb solcher Brillen vor. Die Begründung: Menschen könnten damit nahezu unbemerkt aufgenommen werden. Im öffentlichen Raum drohe ein permanenter Überwachungsdruck.

Ich verstehe das Unbehagen. Wirklich.

Wenn mir jemand mit seinem Smartphone offensichtlich ins Gesicht filmt, kann ich reagieren. Ich sehe das Gerät, ich sehe die Kamera, ich kann weggehen, protestieren oder zumindest innerlich schon einmal sämtliche Schimpfwörter alphabetisch sortieren.

Bei einer Brille weiss ich womöglich gar nicht, dass ich gefilmt werde. Das ist unangenehm.

Und bevor jetzt jemand denkt, ich würde hier aus sicherer Distanz über technisches Teufelszeug philosophieren: In unserem Haushalt befindet sich selbst eine Meta-Ray-Ban-Brille. Ich kenne das Ding also nicht nur aus Zeitungsartikeln.

Und ja: Ich sehe durchaus, weshalb diese Brillen faszinieren. Man kann Fotos machen, ohne das Handy hervorzunehmen. Filmen, während man beide Hände frei hat. Telefonieren, Musik hören oder Informationen abrufen.

Noch viel eindrücklicher finde ich aber etwas anderes. Ich kenne eine sehbehinderte Person, für die eine solche Brille ein echter Segen ist. Und damit bekommt die Diskussion plötzlich eine ganz andere Dimension.

Denn Smart Glasses können für Menschen mit Behinderungen weit mehr sein als ein lustiges Gadget. Gerade für blinde und sehbehinderte Menschen können sie Texte vorlesen, Gegenstände oder die Umgebung beschreiben und über Dienste wie «Be My Eyes» Unterstützung durch sehende Personen ermöglichen. Auch Menschen mit eingeschränkter Mobilität können davon profitieren, dass vieles freihändig funktioniert.

Für mich ist das ein ziemlich wichtiger Punkt. Denn Technologie, die bei mir für ein paar unterhaltsame Ferienvideos sorgt, kann einem anderen Menschen ein Stück Selbstständigkeit schenken. Und plötzlich erscheint ein pauschales Verkaufsverbot schon etwas weniger einfach.

Denn natürlich kann man eine solche Brille missbrauchen. Aber man kann sie eben auch gebrauchen.

Zusätzlich dazu beschäftigt mich an der ganzen Debatte aber eine andere Frage: Warum haben wir plötzlich so grosse Angst vor etwas, das technisch längst möglich ist?

Denn machen wir uns nichts vor: Die Perversen dieser Welt haben nicht auf die Schlaumeier-Brille gewartet.

Es ist ja nicht so, als hätten irgendwo tausende Grüsel jahrelang seufzend auf dem Sofa gesessen und gedacht: Ach, könnte ich doch nur heimlich Menschen filmen. Aber leider fehlt mir dafür die passende Brille.

Heimliche Überwachungstechnologie ist seit Jahren frei erhältlich.

Wer fünf Minuten im Internet sucht, findet Knopfkameras, Kameras in Kugelschreibern, Kameras in Schlüsselanhängern, Kameras in Weckern, Miniaturmikrofone und allerlei anderes Zeug, bei dem James Bond vermutlich etwas beleidigt wäre, weil seine streng geheimen Spezialgadgets inzwischen zu Spottpreisen online bestellt und nach Hause geliefert werden. Und ja: Solche Geräte werden definitiv missbraucht.

Kameras werden in Umkleidekabinen versteckt, auf Toiletten, in Hotelzimmern, in Wohnungen. Menschen werden heimlich beim Sex gefilmt. Frauen werden ohne ihr Wissen aufgenommen. Die Bilder und Videos landen im Internet.

Damit will ich die Smart Glasses keineswegs verharmlosen. Im Gegenteil: Sie machen heimliches Filmen tatsächlich einfacher. Man muss kein Handy mehr hochhalten. Man muss keine Kamera irgendwo verstecken. Man schaut einfach und die Kamera schaut mit.

Genau darin liegt ihre besondere Qualität und ihr besonderes Risiko. Die Grenze zwischen Wahrnehmen und Aufzeichnen wird beinahe unsichtbar.

Meta verweist auf technische Schutzmassnahmen wie ein sichtbares Aufnahmelicht. Kritiker bezweifeln jedoch, dass dieses im Alltag für andere Menschen immer ausreichend erkennbar ist. Diese Diskussion ist deshalb berechtigt. Vielleicht braucht es wirklich deutlichere Aufnahmehinweise. Vielleicht müssen bestimmte Funktionen technisch eingeschränkt werden. Und sicherlich braucht es klare Regeln, wie diese Technologie verwendet werden darf.

Aber das Problem ist ja nicht nur die Brille. Das Problem ist, was Menschen mit Technologie tun.
Und vielleicht noch wichtiger: Was danach mit den Aufnahmen geschieht.

Denn stellen wir uns vor, irgendein Grüsel filmt heimlich eine Frau in einer Umkleidekabine. Das ist schlimm genug. Aber richtig zerstörerisch wird es, wenn dieses Video anschliessend auf einer Plattform landet. Wenn es kopiert wird. Wenn es geteilt wird. Wenn andere Accounts es weiterverbreiten. Wenn Algorithmen dafür sorgen, dass tausende oder hunderttausende Menschen es sehen.

Wenn die betroffene Person versucht, das Material löschen zu lassen und feststellen muss, dass das Internet ausgezeichnet darin ist, Inhalte zu vervielfältigen und erstaunlich schlecht darin, Verantwortung dafür zu übernehmen.

Und selbst dieses Szenario ist inzwischen eigentlich schon fast altmodisch. Denn heute muss der Grüsel dich unter Umständen gar nicht mehr filmen. Künstliche Intelligenz kann ihm die Arbeit abnehmen. Ein paar Bilder können reichen. Ein Foto von Instagram. Ein Porträt auf Facebook. Ein Bild von der Firmenhomepage. Und daraus lässt sich Material erzeugen, das dich in Situationen zeigt, in denen du niemals gewesen bist.

Der Täter braucht dich als Original dafür gar nicht mehr. Er braucht nur noch irgendein Foto und eine kurze Tonaufnahme von dir. Und das verändert die Debatte fundamental.

Wir bewegen uns von einer Welt, in der Bilder von Menschen ohne deren Zustimmung aufgenommen werden können, in eine Welt, in der solche Bilder überhaupt nicht mehr aufgenommen werden müssen. Sie können einfach erzeugt werden. Sexualisierte Deepfakes sind deshalb längst Teil der Diskussion über digitale Gewalt, auch die Schweizer Internet-Initiative nennt sie ausdrücklich als Problem.

Vielleicht sollten wir deshalb nicht nur darüber diskutieren, ob eine Kamera in einer Brille, einem Kugelschreiber oder einem Handy steckt. Sondern auch darüber, welche Verantwortung diejenigen tragen, die aus solchen Aufnahmen und künstlich erzeugten Bildern Reichweite machen.

Denn das Smartphone können wir schliesslich auch nicht verbieten. Die Knopfkamera werden wir nicht aus der Welt schaffen. Die nächste Miniaturkamera wird noch kleiner sein. Und irgendwann wird vermutlich irgendein technikbegeisterter Mensch eine Kamera entwickeln, die aussieht wie ein verdammter Hemdknopf und gleichzeitig unsere Steuererklärung ausfüllen kann.

Und selbst wenn wir irgendwann sämtliche Kameras verbieten würden, könnte uns die künstliche Intelligenz inzwischen einfach eine neue Realität zusammenfantasieren.

Technologie wird immer kleiner, immer billiger, immer leistungsfähiger. Und zunehmend braucht sie nicht einmal mehr eine reale Vorlage für das, was sie produziert.

Wir können versuchen, jedes neue Gerät einzeln zu verbieten. Oder wir können uns endlich um die Regeln kümmern. Zum Beispiel darum, dass Plattformen nicht einfach sagen können: Mit dem Inhalt unserer Nutzer haben wir nichts zu tun.

Denn natürlich haben sie damit zu tun. Sie speichern ihn. Sie verbreiten ihn. Sie empfehlen ihn. Sie verdienen teilweise Geld mit der Aufmerksamkeit, die er erzeugt. Und genau an diesem Punkt wird die aktuelle Debatte für die Schweiz interessant.

Denn hier läuft derzeit die Unterschriftensammlung für die Internet-Initiative – «Zum Schutz der Grundrechte und der Demokratie im digitalen Raum».

Sie verlangt unter anderem, Anbieter von Kommunikationsplattformen, Suchmaschinen und auch Anbieter KI-basierter Systeme stärker in die Verantwortung zu nehmen. Sie sollen Menschen vor Verletzungen ihrer Grundrechte schützen und unter anderem die Verbreitung von Inhalten verhindern, die sexualisierte Gewalt enthalten.

Und plötzlich schliesst sich der Kreis ziemlich schön.

Wir können darüber streiten, ob eine bestimmte Brille verkauft werden darf. Wir können Warnlichter grösser machen. Wir können Kameras kennzeichnen. Wir können sie in Umkleidekabinen, Gerichten oder anderen sensiblen Räumen verbieten. Alles sinnvoll. 

Aber solange jemand eine heimliche Aufnahme innert Sekunden ins Netz stellen kann (oder sie mit künstlicher Intelligenz gleich selbst erzeugt) und sich anschliessend Milliardenunternehmen gegenseitig erklären, warum eigentlich niemand so richtig dafür zuständig ist, haben wir das Problem nicht gelöst.

Dann haben wir lediglich sehr ausführlich über die Verpackung gesprochen.

Die sogenannte «Perversling-Brille» macht uns eines eindrücklich sichtbar: Wir leben in einer Welt, in der praktisch jeder jederzeit eine Kamera bei sich trägt.

Wir leben jedoch inzwischen auch in einer Welt, in der es nicht einmal mehr eine Kamera braucht.

Die Frage lautet deshalb längst nicht mehr nur: Können Menschen uns heimlich aufnehmen? Natürlich können sie das.

Die viel grössere Frage lautet: Was darf mit unserem Bild, unserer Stimme und unserer Identität geschehen – und wer trägt Verantwortung, wenn sie gegen unseren Willen benutzt, verändert und millionenfach verbreitet werden?

Darüber sollten wir reden.

 

Während die Welt brennt, streiten wir darüber, wer auf welches WC darf

Während die Welt brennt, streiten wir darüber, wer auf welches WC darf

Vielleicht werden Historiker einmal ziemlich ratlos auf unsere Zeit zurückblicken.

Sie werden lesen von Kriegen, von hunderttausenden Toten, von brennenden Wäldern, ausgetrockneten Flüssen, Hitzerekorden und Menschen, die in ihren Wohnungen starben, weil ihre Körper die Temperaturen nicht mehr ertrugen.

Und dann werden sie die politischen Debatten derselben Jahre anschauen.

Und sich fragen: Was zur Hölle habt ihr eigentlich gemacht?

Der Sommer 2026 macht die Klimakrise in Europa wieder einmal schwer übersehbar. Der Juni war in Westeuropa der heisseste seit Beginn der Aufzeichnungen. Grosse Teile Europas waren aussergewöhnlich trocken. Flüsse führten zu wenig Wasser, Böden trockneten aus, Wälder brannten. Auch in der Schweiz erleben wir rekordtiefe Niederschläge und extrem trockene Böden.

Das ist kein abstraktes Problem irgendeiner fernen Zukunft mehr. Hitze tötet. 

Laut der "NZZ am Sonntag" sind seit der letzten Juniwoche europaweit 31'800 Menschen mehr gestorben, als es zu erwarten gewesen wäre. Hierzulande hat das Bundesamt für Statistik mitgeteilt, dass bisher 357 zusätzliche Todesfälle bei Personen ab 65 Jahren erfasst worden sind. 

Eigentlich müsste die aktuelle Situation politische Panik auslösen.

Sie müsste Parlamente beschäftigen, Wahlkämpfe dominieren, Regierungen unter Rechtfertigungsdruck setzen. Man müsste darüber streiten, wie wir Städte kühlen, Gebäude anpassen, Wälder schützen, Wasser sichern, Energieversorgung umbauen und Treibhausgasemissionen schneller reduzieren.

Stattdessen herrscht erstaunliche Ruhe.

Genau diese Frage stellte dieser Tage auch der Spiegel: Warum gibt es angesichts von Rekordtemperaturen, Niedrigwasser und Hitzetoten keinen Aufschrei für mehr Klimaschutz? Der Artikel beschreibt einen Sommer, in dem die Klimakrise so greifbar ist wie selten zuvor und eine Gesellschaft, die darauf politisch bemerkenswert lethargisch reagiert.

Vielleicht sind wir einfach beschäftigt. Mit wichtigeren Dingen. 

Zum Beispiel Toiletten.

Der Präsident der Jungen SVP Schweiz hat sich kürzlich in einem offenen Brief an den Musiker Marc Trauffer gewandt. Nicht wegen seiner Steuerpolitik. Nicht wegen seiner Haltung zur Energieversorgung. Nicht wegen Armee, Migration, Altersvorsorge oder Staatsfinanzen.

Wegen der WCs in Trauffers Erlebniswelt.

Diese sind teilweise unisex. Das genügte für einen politischen Aufschrei.

Der Präsident der Jungen SVP sprach von «woker Indoktrination», kritisierte die Bezeichnung «m/w/d» in Stelleninseraten und warnte davor, dass durch solche Entwicklungen langfristig sogar die Familie als Fundament der Gesellschaft bedroht sei. Er verlangte unter anderem die Entfernung eines Symbols an den Toiletten.

Man muss sich diesen Satz auf der Zunge zergehen lassen: Während die Schweiz austrocknet, sorgt sich ein Parteipräsident um das Piktogramm an einer WC-Tür.

Und natürlich ist das andere politische Lager nicht automatisch besser. Denn der Kulturkampf funktioniert nur, weil beide Seiten mitspielen.

Kaum ein gesellschaftliches Thema besitzt heute eine zuverlässigere Fähigkeit, politische Emotionen zu erzeugen als die Frage nach Geschlecht und Identität. Ein Wort. Ein Pronomen. Ein Formular. Eine Toilette. Und schon laufen die Empörungsmaschinen auf beiden Seiten heiss.

Das Thema ist dabei keineswegs grundsätzlich bedeutungslos.

Das jüngste britische Urteil zeigt genau das. Der Supreme Court entschied, dass sich der Begriff «sex» im britischen Equality Act auf das biologische Geschlecht bezieht. Das Urteil betrifft nicht einfach nur Toiletten, sondern unter anderem Frauenquoten, Schutzräume, Umkleiden und den rechtlichen Diskriminierungsschutz. Frauenorganisationen sehen darin einen wichtigen Schutz geschlechtsspezifischer Rechte; Kritiker befürchten Nachteile und neue Diskriminierungen für Transmenschen.

Das sind reale Interessenkonflikte. Sie verdienen eine vernünftige Lösung.

Was sie nicht verdienen, ist die Bedeutung eines Zivilisationskampfes.

Denn genau dort beginnt unser Problem.

Wir scheinen zunehmend unfähig zu sein, zwischen irgendeinem Problem und dem wichtigsten Problem der Welt zu unterscheiden.

Alles wird existenziell.

Das falsche WC-Schild bedroht plötzlich die Familie. Ein Genderstern bedroht die Sprache. Ein falsch verwendetes Pronomen wird zum Beweis gesellschaftlicher Rückständigkeit.

Und jede dieser Auseinandersetzungen lässt sich hervorragend bewirtschaften. Sie produziert Gewinner und Verlierer. Gut und Böse. Links und rechts. Woke und rechtskonservativ. 

Vor allem aber produziert sie Aufmerksamkeit.

Die Klimakrise ist dagegen politisch ausgesprochen undankbar.

Physik lässt sich nicht provozieren. Ein ausgetrockneter Fluss schreibt keine wütenden Tweets. Ein sterbender Wald beleidigt niemanden persönlich.

Und ein alter Mensch, der während einer Hitzewelle still in seiner Wohnung stirbt, eignet sich erschreckend schlecht für einen Kulturkampf.

Vielleicht erklärt das einen Teil unserer bizarren Prioritätensetzung.

Wir reagieren nicht mehr auf die grössten Gefahren. Wir reagieren auf die grössten Reize. Und diese beiden Dinge sind längst nicht dasselbe.

Während wir uns gegenseitig darüber anschreien, wer welches WC benutzen darf, erreicht die Zahl bewaffneter Konflikte weltweit historische Höchststände. Nach Daten des Uppsala Conflict Data Program starben 2025 rund 245’000 Menschen durch organisierte Gewalt.

Menschen werden erschossen, zerbombt, vertrieben. Andere sterben an Hitze. Ernten leiden unter Trockenheit. Wasser wird knapper.

Die Umweltbehörden warnen ausdrücklich, dass die Klimarisiken schneller wachsen und wir auf viele davon noch nicht ausreichend vorbereitet sind.

Aber wir diskutieren lieber über WC-Piktogramme.

Natürlich kann Politik mehrere Dinge gleichzeitig tun. Dieses Argument höre ich schon.

Und es stimmt. Wir müssen nicht entscheiden, ob wir Transmenschen vor Diskriminierung schützen oder den Klimawandel bekämpfen. Wir können beides.

Wir müssen Frauenrechte nicht gegen Klimaschutz ausspielen. Minderheitenschutz nicht gegen Sicherheitspolitik. Migration nicht gegen Altersvorsorge.

Ein moderner Staat muss tausend Probleme gleichzeitig bearbeiten.

Aber eine Gesellschaft kann nicht tausend Dingen gleichzeitig dieselbe Aufmerksamkeit schenken.

Politik bedeutet deshalb immer auch Prioritätensetzung. Und genau dort versagen wir zunehmend. 

Denn viele Politiker reden am liebsten über das, womit sie Aufmerksamkeit bekommen. Medien berichten über das, was gelesen wird. Algorithmen zeigen uns das, worauf wir reagieren. Und wir reagieren zuverlässig auf Empörung.

Ein kompliziertes Konzept zur Anpassung unserer Städte an steigende Temperaturen? Langweilig!

Eine Analyse über Wasserreserven in fünfzig Jahren? Später!

Ein milliardenschwerer Umbau unserer Energieversorgung? Zu kompliziert!

Aber jemand hat ein drittes WC-Symbol aufgehängt? SKANDAL.

Leben wir gegenwärtig unter den schlechtesten Politikern aller Zeiten? Vielleicht wäre diese Behauptung unfair gegenüber ziemlich vielen katastrophalen Herrschern der Menschheitsgeschichte.

Aber ich frage mich zunehmend, ob wir eine politische Generation erleben, die aussergewöhnlich schlecht darin geworden ist, Wichtiges von Lautem zu unterscheiden.

Politik ist immer häufiger nicht mehr die Kunst, Probleme zu lösen. Sie ist die Kunst geworden, Empörung zu verwalten.

Das Tragische daran ist, dass die Wirklichkeit bei diesem Spiel nicht mitmacht. Dem Klima ist vollkommen egal, wie viele Likes ein Beitrag über Gender erzielt. Waffen funktionieren unabhängig davon, welcher Kulturkampf gerade auf X trendet. Einem Waldbrand ist egal, ob wir links oder rechts sind.

Die Natur verhandelt nicht und interessiert sich nicht für Wahltermine.

Und irgendwann könnte eine spätere Generation tatsächlich auf unsere Zeit zurückblicken: Auf die Temperaturkurven. Auf die Waldbrände. Auf die Dürren. Auf die Kriege. Auf die Toten. Und auf unsere politischen Debatten.

Vielleicht wird sie dann feststellen, dass wir durchaus wussten, was geschieht.

Die Berichte lagen vor. Die Wissenschaft warnte. Die Bilder waren da. Die Zahlen waren da. Die Lösungen teilweise ebenfalls. Wir hatten nur gerade etwas anderes zu tun. 

Wir mussten dringend klären, wer auf welches WC darf.

Achtung, eine Verrückte mit Schnitzelbrot ist unterwegs

Achtung, eine Verrückte mit Schnitzelbrot ist unterwegs

Es gibt Dinge, die weiss man einfach, wenn man regelmässig mit dem Zug unterwegs ist. Zum Beispiel: Irgendwo in jedem Zug befindet sich mindestens eine leicht verrückte Person.

Man weiss nie genau, wer es ist. Aber man erkennt sie meistens ziemlich schnell. Sie redet mit fremden Menschen, lacht alleine oder starrt die Leute an.

Man versucht, möglichst nicht neben ihr zu sitzen.

Kürzlich fuhr ich wie so oft von St. Gallen nach Hause. Ich hatte ein halbes Büroinventar und einen halben Haushalt dabei, war ziemlich bepackt und hielt zusätzlich noch ein Schnitzelbrot in der Hand. Der Zug war gut besetzt.

Nun gilt im öffentlichen Verkehr bekanntlich ein ungeschriebenes Gesetz: Man setzt sich nur dann zu fremden Menschen, wenn wirklich keine freie Vierergruppe mehr vorhanden ist. Solange irgendwo noch ein menschenleeres Abteil existiert, wird dieses aufgesucht. 

An diesem Abend waren jedoch alle Abteile bereits besetzt. Also tat ich, was getan werden musste, und setzte mich zu anderen Menschen. Ich packte mein Schnitzelbrot aus und begann zu essen.

Währenddessen strömten noch weitere Reisende in den Zug und suchten nach einem Platz. Ich schaute mich um. Und beging einen grundlegenden Fehler in der schweizerischen Zug-Etikett: Ich lächelte die Leute an. Einfach so.

Niemand lächelte zurück. Die Menschen um mich herum waren plötzlich bemerkenswert beschäftigt.

Handys wurden mit einer Konzentration betrachtet, als hinge die nationale Sicherheit davon ab. Laptops wurden geöffnet. Kopfhörer aufgesetzt. Nachrichten gelesen. Irgendwo musste offenbar gerade eine ganze Menge Weltgeschichte stattfinden, denn niemand hatte auch nur eine Sekunde Zeit, den Blick zu heben.

Ich lächelte weiter. Niemand reagierte. Blick nach unten.

Da traf mich die Erkenntnis: Nicht irgendwo in diesem Zug sass die verrückte Person.

Ich war die Verrückte.

Plötzlich fiel es wie Schuppen von meinen Augen: Da sitzt eine Frau mit mehreren Taschen und einem Schnitzelbrot, schaut wildfremde Menschen an und lächelt ihnen auch noch zu.

Natürlich schauen die weg. Denn jeder weiss, was passiert, wenn man in einem Zug versehentlich die falsche Person anlächelt.

Man lächelt höflich zurück. Die Person sagt: «Ganz schön voll heute.» Und schon ist es vorbei. Ab diesem Moment befindet man sich in einem Gespräch, das man aus Anstand nun bis zu einem gesellschaftlich vertretbaren Fluchtpunkt weiterführen muss.

Zuerst über den vollen Zug. Dann über die SBB. Dann über das Wetter. Dann darüber, dass früher sowieso alles besser war. Und ehe man sich versieht, weiss man, dass der Hund der fremden Person mit Durchfall auf Poulet reagiert, sie eigentlich wieder mal joggen gehen sollte und sie jetzt lieber im Wald als unter Menschen wäre.

Darauf hat nun wirklich niemand Lust. Also lautet die einzig vernünftige Strategie: Nicht reagieren. Nicht lächeln. Keinen Augenkontakt herstellen. Im Zweifelsfall auf dem Handy eine Excel-Tabelle öffnen und so tun, als müsse sie bis Buchs fertig sein.

Ich schaute mich nochmals im Waggon um: Kopfhörer. Handys. Laptops. Gesenkter Blick.

Und ich mittendrin. Mit meinem Schnitzelbrot. Lächelnd. Starrend.

Meine Güte.

Ich war tatsächlich die Verrückte.

Ich reagierte sofort. Nahm mein Handy hervor. Dann meine Kopfhörer. Steckte sie demonstrativ in die Ohren. Blick aufs Display.

Und ich schwöre, ich konnte förmlich spüren, wie eine Welle der Erleichterung durch den Waggon ging.

Nochmals Glück gehabt. Sie scheint doch normal zu sein.

 

Wer liebt, bleibt Mensch

Wer liebt, bleibt Mensch

Wohl dem Menschen, der sein Herz nicht zu Stein werden lässt.

Denn leicht ist es, andere Menschen zu verachten und von sich zu weisen.
Leicht ist es, den Zorn zu nähren und die Tore der Seele zu verschliessen.

Der Hass baut Mauern um den Menschen. Er gibt ihm ein Schwert in die Hand und spricht zu ihm: "Nun kann dich niemand mehr verwunden."

Doch siehe: Wer hinter Mauern lebt, wird nicht verwundet, aber auch nicht berührt.
Die Liebe aber öffnet das Tor. Sie legt das Schwert nieder und tritt unbewaffnet vor den anderen.

Darum verlachen viele Menschen den Liebenden und nennen ihn schwach.
Doch sie erkennen nicht, dass der Liebende mehr wagt als der Hassende.

Denn wer hasst, verbirgt seine Wunde.
Wer liebt, zeigt sein Herz.

Wer hasst, flieht vor dem Schmerz.
Wer liebt, weiss um den Schmerz und bleibt dennoch.

Wer hasst, macht den anderen zum Feind, damit er selbst keine Furcht empfinden muss. 
Wer liebt, sieht den Menschen im Feind und ringt darum, selbst Mensch zu bleiben.

Darum ist nicht stark, wer seinen Zorn wie Feuer über andere giesst.
Stark ist, wer das Feuer in sich trägt und es nicht weitergibt.

Nicht mutig ist, wer den Schwachen erniedrigt, den Fremden verstösst, oder den Gefallenen mit Füssen tritt.
Mutig ist, wer sich niederbeugt, wer die Hand reicht, wer vergibt, ohne das Unrecht zu leugnen und widerspricht, ohne zu entmenschlichen.

Denn Hass macht den Menschen hart, auf dass nichts zu ihm dringe.
Liebe aber macht ihn sanft, auf dass das Leben zu ihm dringe.

Denn wer liebt, kann verwundet werden.
Siehe, darin liegt sein Mut.

Der Hassende steht hinter seinem Schild und ruft sich selbst zum Sieger aus.
Der Liebende aber tritt hervor, ohne Gewissheit, ohne Rüstung, ohne Schutz.

Und wenn er dennoch spricht: "Ich will dich nicht hassen, ich will deine Würde nicht leugnen, ich will nicht werden wie das, was mich verletzt hat." Dann ist seine Sanftheit stärker als Gewalt und seine Liebe mutiger als Hass.

Darum sage ich euch: Wer hasst, schützt sich vor der Welt. Wer liebt, vertraut sich ihr an. 

Wer hasst, wagt wenig.
Wer liebt, wagt alles.