Rücksichtslos sind immer die anderen

Rücksichtslos sind immer die anderen

Immer mehr Menschen sagen: „Die Rücksichtslosigkeit nimmt zu.“ Das Vertrauen in das „Wir“ sinkt tendenziell. Menschen fühlen sich häufiger alleingelassen, überfordert oder enttäuscht von anderen.

Gleichzeitig zeigen Umfragen, dass viele Menschen von sich selbst glauben, sehr rücksichtsvoll zu sein. Fazit: Die anderen sind schuld.

Hier geht etwas offensichtlich nicht auf. Leiden wir etwa an einer Wahrnehmungsverzerrung? Oder hat sich unsere Welt einfach so verändert, dass Rücksicht schwieriger geworden ist? 

 

Zwischen Dichte- und Dauerstress

Vielleicht sind wir gar nicht rücksichtsloser – sondern nur erschöpfter und reizüberfluteter.

An Bahnhöfen, in vollen Zügen, auf Wanderwegen, in Altstädten – überall dort, wo viele Menschen auf engem Raum zusammentreffen, steigt das Konfliktpotenzial. Je dichter es wird, desto leichter geraten wir einander sprichwörtlich auf die Füsse – und desto weniger Geduld bringen wir mit.

Hinzu kommt: Der Alltag ist vollgetaktet. Wer ständig unter Strom steht – ob durch Überlastung, Lärm, News-Ticker, To-do-Listen oder Dauerverfügbarkeit – hat weniger Energie für das Gegenüber.

Gleichzeitig scheint unsere Sensibilität für Störungen gestiegen zu sein: Geräusche, Verhalten, Sprache – vieles, was früher einfach hingenommen wurde, wird heute als übergriffig oder respektlos erlebt. Das ist kein Rückschritt, sondern auch ein Ausdruck von gewachsener Aufmerksamkeit für Grenzen und Bedürfnisse. Aber es führt zu mehr Reibung – besonders, wenn sich zwei verschiedene Selbstverständlichkeiten gegenüberstehen.

Rücksicht ist heute nicht einfacher, sondern anspruchsvoller.

 

Tourismus: willkommen, aber bitte rücksichtsvoll

Ein sehr aktuelles Beispiel: der Tourismus.

Die einen kommen zum Spass und zur Erholung. Die anderen leben dort – arbeiten, pendeln, sorgen für Infrastruktur, Ordnung und Sicherheit. Wenn Wanderwege zur Müllhalde werden und private Grundstücke zur Selfie-Zone, ist Rücksicht keine Kür mehr, sondern bitter nötig. Kommt auch noch die Blechpest hinzu, wird aus Idylle Stillstand: verstopfte Strassen, zugeparkte Gehwege, genervte Gesichter.

Was fehlt, ist das gegenseitige Bewusstsein: Dass die eigene Auszeit nicht auf Kosten anderer gehen darf. Und dass Einheimische keine Statisten in einer touristischen Inszenierung sind. Umgekehrt erleben Touristen das genervte Stirnrunzeln der Einheimischen als unnötig ablehnend – "Warum macht ihr Werbung für eure Region, wenn ihr wollt, dass niemand kommt?“

Es braucht gegenseitiges Verständnis. Der Blick für das Leben der anderen. Für die unterschiedlichen Kontexte.

Der eine will entspannen, der andere zur Arbeit.

Der eine fotografiert die Idylle, der andere lebt mitten in ihr – mit Müllentsorgung, Schulweg und Stau.

 

Was ist eigentlich passiert?

Vielleicht erleben wir heute nicht mehr Rücksichtslosigkeit – sondern mehr Situationen, in denen Rücksicht gefordert wäre.

Unsere Gesellschaft ist vielfältiger, dichter, hektischer geworden. Öffentliche Räume werden von immer mehr Menschen auf immer unterschiedlichere Weise genutzt.

Vielleicht stimmt es: Die Rücksichtslosigkeit nimmt zu.

Vielleicht stimmt auch gleichzeitig das Gegenteil: Wir sind empfindlicher geworden.

Am wahrscheinlichsten aber ist: Wir befinden uns in einer Zeit, in der das Miteinander neu verhandelt wird.


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