Politik ist viel mehr als links oder rechts

Politik ist viel mehr als links oder rechts

Aus meiner Sicht sind die Zeiten vorbei, in denen man Politik stur in "links" oder "rechts" einteilen kann. Heutzutage gibt es so vielfältige politische Haltungen, dass sich viele Menschen in den vorhandenen "Einteilungen" (Links-Mitte-Rechts) überhaupt nicht wiederfinden können.

Das klassische Links-Rechts-Schema ist historisch entstanden, als Politik noch stark von Klasseninteressen geprägt war: auf der linken Seite die Arbeiterbewegung, auf der rechten Seite das Bürgertum und die Kirche. Das war übersichtlich. Aber diese Welt gibt es so nicht mehr.

Heute ist Politik multidimensional:

  • Sozial vs. liberal (Staat vs. Eigenverantwortung)

  • Progressiv vs. konservativ (Wertewandel vs. Bewahrung)

  • Globalistisch vs. lokalistisch (Offenheit vs. Verwurzelung)

  • Ökologisch vs. industriell (Nachhaltigkeit vs. Wachstum)

  • Technokratisch vs. populistisch (Expertise vs. Bauchgefühl)

Das heisst: Ein Mensch kann ökologisch (klassisch „links“) denken, aber gesellschaftlich konservativ („rechts“) sein. Oder wirtschaftlich liberal, aber gleichzeitig für starke soziale Netze. Viele Menschen sind also hybrid – und die alten Schubladen sind dafür zu eng. 

Deshalb haben ChatGPT und ich elf Polit-Typen identifiziert, die heute unsere Gesellschaft prägen – vom Humanistischen Realisten bis zum Revolutionären Rebell.
Jeder Typ steht für eine innere Haltung, ein Werteprofil und eine Art, auf die Welt zu schauen.

Vielleicht erkennst du dich in einem wieder? Und vielleicht kennst du noch weitere Typen, die hier fehlen? 

Typ Werte Stärken Schwächen Motto
Humanistische
Realist:in

Menschlichkeit, Verantwortung, Vernunft, Dialog, Pragmatismus, Gerechtigkeit.

Glaubt, dass Politik Herz und Verstand braucht – und Fortschritt Verantwortung bedeutet.

Vermittlungsfähig, integrativ, lösungsorientiert.

Hohe ethische Standfestigkeit, aber offen für Argumente.

Bleibt ruhig in aufgeheizten Debatten.

Wird unterschätzt, weil er/sie nicht polarisiert.

Zögert manchmal zu lange, um klar Position zu beziehen.

Kann sich über Lautstärke und Simplifizierung anderer ärgern, statt sie strategisch zu nutzen.

Ich will verstehen, bevor ich urteile.

Idealistische
Visionär:in

Hoffnung, Gleichheit, Mut, Wandel, Menschlichkeit, Fortschritt.

Träumt von einer gerechteren Welt und glaubt, dass alles möglich ist, wenn man nur will.
Moral ist der Kompass, nicht Machbarkeit.

Inspirierend, leidenschaftlich, moralisch klar.

Weckt Hoffnung, mobilisiert Menschen.

Denkt gross, langfristig, systemisch.

Ignoriert Realitäten, unterschätzt Widerstände.

Neigt zu Schwarz-Weiss-Denken („gut vs. böse“).

Gefahr der Enttäuschung oder Radikalisierung, wenn Ziele scheitern.

Ich sehe, was sein könnte – und nicht, was ist.
Strategische Pragmatiker:in

Effizienz, Verantwortung, Stabilität, Kompromiss, Kompetenz.


Misst Erfolg an Resultaten, nicht an Idealen.
Weiss: Politik ist kein Traumlabor, sondern eine Baustelle.

Rational, organisiert, lösungsfokussiert.

Stark in komplexen Dossiers, nüchterner Entscheider.

Bringt Dinge zu Ende, auch ohne Applaus.

Kann kühl wirken, wenig empathisch.

Wird leicht als taktisch oder opportunistisch wahrgenommen.

Gefahr, Sinn durch Routine zu ersetzen.

Ich mache keine grosse Worte – ich löse Probleme.
Bewahrende Traditionalist:in

Ordnung, Familie, Stabilität, Identität, Verlässlichkeit, Heimat.

Glaubt, dass Zukunft ohne Wurzeln nicht funktioniert.
Für sie/ihn sind Traditionen das Fundament einer gesunden Gesellschaft.

Loyal, pflichtbewusst, zuverlässig.

Schafft Struktur und Sicherheit.

Bewahrt gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Neigt zur Verklärung der Vergangenheit.

Hat Mühe mit Wandel oder Diversität.

Gefahr von Angstpolitik oder Autoritätsfixierung.

Ich verteidige das, was Generationen aufgebaut haben.

Eigenverantwortliche
Gestalter:in

Freiheit, Eigenverantwortung, Leistung, Autonomie, Risiko.


Glaubt, dass jeder Mensch selbst am besten weiss, was gut für ihn ist.
Staatliche Einmischung wird als Freiheitsverlust empfunden.

Mutig, unabhängig, innovationsfreudig.

Hoher Leistungswille, Durchsetzungsfähigkeit.

Inspirierend für Selbstständigkeit und Unternehmergeist.

Unterschätzt strukturelle Ungleichheiten.

Gefahr des Egoismus oder der sozialen Kälte.

Schnell ungeduldig mit Schwächeren.

Ich gestalte mein Leben – und trage die Folgen meiner Entscheidungen.
Fürsorgliche Kollektivist:in

Solidarität, Gleichheit, Gerechtigkeit, Empathie, Sicherheit.


Glaubt, dass eine Gesellschaft nur stark ist, wenn sie sich um ihre Schwächsten kümmert.
Denkt fürsorglich, aber manchmal paternalistisch.

Warmherzig, sozial engagiert, solidarisch.

Bringt soziale Themen auf die Agenda.

Stärkt Gemeinschaftssinn und Mitgefühl.

Kann überregulierend und bevormundend wirken.

Gefahr, Eigeninitiative zu bremsen.

Misstraut manchmal zu sehr dem Individuum.

Ich lasse niemanden im Regen stehen.
Charismatische Populist:in

Nähe, Stärke, Authentizität, Loyalität, Erfolg.

Glaubt, dass Politik ehrlich, direkt und nah am Volk sein muss.
Oft schonungslos und vereinfachend, aber immer mit Wirkung.

Emotional intelligent, durchsetzungsstark, kommunikativ.

Kann Menschen bewegen und mobilisieren.

Erkennt intuitive Stimmungen der Bevölkerung.

Manipulativ, oberflächlich, faktenarm.

Gefahr, Emotion über Wahrheit zu stellen.

Kann autoritär werden, wenn Widerspruch kommt.

Ich spreche aus, was sich sonst niemand traut.
Technokratische Rationalist:in

Fakten, Objektivität, Ordnung, Evidenz, Neutralität.

Glaubt, dass gute Politik aus Kompetenz und Daten entsteht – nicht aus Emotion.
Es zählt Wahrheit über Meinung.

Präzise, sachlich, faktenfest.

Lösungsorientiert und stabil in Krisen.

Immun gegen populistische Versuchung.

Wirkt kalt, humorlos, elitär.

Versteht Politik zu wenig als Beziehungshandwerk.

Unterschätzt emotionale Dimensionen von Führung.

Ich vertraue den Zahlen mehr als den Schlagzeilen.
Ökologische
Ethiker:in

Nachhaltigkeit, Demut, Verantwortung, Achtsamkeit, Naturverbundenheit.


Sieht den Menschen als Teil eines grösseren Ganzen.
Lebt nach dem Prinzip, dass moralisches Handeln bei sich selbst beginnt.

Konsequente Wertehaltung.

Sensibel für Ungerechtigkeit gegenüber Natur und Lebewesen.

Glaubwürdig und integer.

Gefahr des moralischen Rigorismus.

Neigt zu Überforderung anderer durch Idealismus.

Kann als weltfremd oder belehrend wirken.

Ich sehe die Welt als etwas, das uns allen anvertraut ist – nicht nur mir gehört.
Revolutionäre
Rebell:in

Freiheit, Gerechtigkeit, Widerstand, Unabhängigkeit, Leidenschaft.


Will nicht anpassen, sondern aufrütteln.
Das Denken ist kompromisslos, das Handeln disruptiv.

Mutig, konsequent, furchtlos.

Bricht verkrustete Strukturen auf.

Entfacht Bewegung, wo andere resignieren.

Zerstört manchmal mehr als er/sie erneuert.

Schwer steuerbar, autoritätskritisch bis destruktiv.

Schnell ausgebrannt durch Frust.

Ich will nicht die Welt verwalten – ich will sie verändern.
Bonus-Typ:
Versöhner:in

(sehr selten)

Empathie, Verständnis, Kooperation, Balance, Respekt.


Glaubt, dass Gegensätze sich ergänzen können, wenn man ihnen Raum gibt.
Lehnt Extreme ab – und liebt Synthese.

Vermittlungsstark, diplomatisch, integer.

Erzeugt Vertrauen zwischen Lagern.

Erkennt Verbindendes, wo andere Trennendes sehen.

Wird als unentschlossen wahrgenommen.

Gefahr, von Extremen überrollt zu werden.

Manchmal zu harmoniesüchtig, um klar zu konfrontieren.

Ich will Gräben füllen, nicht vertiefen.
Abtreibung: Be careful what you wish for

Abtreibung: Be careful what you wish for

Ich bin schockiert.
Gerade habe ich erfahren, dass es tatsächlich Menschen gibt, die glauben, bei einer Abtreibung werde das Baby
geboren – und dann getötet.

Vielleicht ist euch das längst bekannt. 
Ich höre das heute zum ersten Mal.
Und ja – vielleicht habe ich bis heute hinter dem Mond gelebt.
Aber plötzlich verstehe ich, warum diese Debatte so verhärtet ist.

Denn wenn es wirklich so wäre,
wenn bei einer Abtreibung ein Kind lebend zur Welt käme
und dann getötet würde,
wäre ich selbstverständlich auch dagegen.
Ich würde es als Mord bezeichnen.
Wer nicht?

Aber wie – bitte schön – kommt man auf diese absurde Idee?
Wo und wie informiert ihr euch?!

Nun ja.
Immer mehr Abtreibungsgegnerinnen und -gegner bekommen inzwischen, was sie wollen.
Mit verheerenden Folgen für Frauen, die ihr Kind verlieren.

Denn manchmal passiert das Tragische: Ein Baby stirbt im Mutterleib. 
Wenn man es dann herausholen muss –
dieser Eingriff aber als „Abtreibung“ gilt, weil er denselben medizinischen Code trägt – was dann?
Soll man die Mutter sterben lassen,
weil sie an der Vergiftung durch das tote Kind im Körper zugrunde geht?

In El Salvador ist das keine hypothetische Frage.
Dort ist jede Form des Schwangerschaftsabbruchs verboten.
Unter allen Umständen.
Selbst bei Lebensgefahr, Vergewaltigung oder Totgeburt.

Seit 2006 wurden dort mindestens 73 Frauen zu langen Haftstrafen verurteilt,
die keine Abtreibung wollten,
sondern eine Fehlgeburt, Totgeburt oder den Tod ihres Neugeborenen erlitten.

Und auch in den USA, wo der Supreme Court 2022 das landesweite Recht auf Abtreibung aufgehoben hat,
zeigt sich, was solche Gesetze in der Praxis bedeuten.

Die Folgen sind dramatisch:
Frauen mit Fehlgeburten oder lebensbedrohlichen Blutungen werden teilweise stunden- oder tagelang
unbehandelt nach Hause geschickt, 
weil der notwendige medizinische Eingriff
– eine Ausschabung oder medikamentöse Behandlung – juristisch als Abtreibung gelten könnte.

Manche Patientinnen erleiden dadurch schwere Infektionen oder dauerhafte Schäden.
In anderen Fällen müssen Kliniken Schwangere in Bundesstaaten ohne Abtreibungsverbot verlegen, 
bevor sie sterben oder unfruchtbar werden.

Auf Englisch sagt man: «Be careful what you wish for.»
Die Redewendung warnt davor, dass ein ersehnter Wunsch unerwartete, negative Folgen haben kann.
Oft stellt sich erst im Nachhinein heraus, dass die Realität komplizierter, schmerzhafter oder weniger ideal ist,
als man sie sich vorgestellt hat.

Und genau das erleben immer mehr Frauen, die einst gegen Abtreibung demonstrierten.
Bis sie selbst erfahren mussten, was ein Verbot wirklich bedeutet...

Die Frau mit dem Magenbrot

Die Frau mit dem Magenbrot

Der Zug war fast leer an diesem Nachmittag.
Nur ein älteres Ehepaar stieg ein – langsam, vorsichtig, mit Bedacht.

Sie trug eine graue Daunenjacke über einem gelben Cardigan. Er ein kariertes Hemd, dessen Knöpfe durch den Bauch etwas strapaziert wurden und in eine dunkelrote Cordhose gesteckt war. 
Nachdem sie sich gesetzt hatten, suchte sie gleich ihr Portemonnaie, um das Billett zeigen zu können, wenn der Kondukteur kommt.
Er schnaubte: „Warum musst du das immer ganz unten verstauen?“
„Damit es nicht gestohlen wird“, antwortete sie freundlich.
"So ein Quatsch." Er lachte verächtlich und laut. 
Sie ignorierte die Demütigung.

Er sass rückwärts, sie ihm gegenüber.
Kaum fuhr der Zug los, verzog er das Gesicht. „Ich kann nicht rückwärts fahren.“
Sie verstand sofort: „Dann tausch ich mit dir.“
Langsam stand sie auf, drehte sie sich, mühsam, der Körper suchte das Gleichgewicht, die Hände tasteten nach Halt.
Er verdrehte die Augen.
„Jetzt mach doch endlich und stell dich nicht so an!“
Kein Danke. 
Als sie schliesslich sass, lächelte sie und schaute aus dem Fenster: "Schau mal, wie schön der Wald ist."
Keine Antwort.

Eine Weile schwiegen sie. Der Zug fuhr weiter. Landschaften zogen vorbei.
Sie kramte in ihrer Handtasche und holte ein kleines Säckchen hervor.
Magenbrot.
Sie brach es in Stücke, reichte ihm eines über den Tisch.
Er griff danach und seine Stimme wurde sofort wieder laut: „Warum gibst du mir so kleine Stücke?“
Sie antwortete liebevoll: „Dann nimm halt zwei.“

Sie sah wieder aus dem Fenster. Der See glitzerte. Die Wälder boten ein prachtvolles Farbspiel an diesem goldenen Herbsttag.
Zwischen ihnen lag ein Papiersäckchen mit süssem Magenbrot und zu viel Bitterkeit in der Luft.

Als der Zug am Bahnhof einfuhr, stand er auf und begab sich auf direktem Weg zur Tür.
Kein Blick zurück.

Langsam, etwas wackelig, richtete sie sich ebenfalls auf.
Ihre Hand suchte Halt am Sitz.
Sie schaute sich lächelnd um – mit Augen, in denen Güte und Traurigkeit nebeneinander wohnten.
Dann nahm sie ihr Säckchen Magenbrot und ihr Portemonnaie,
stopfte beides zurück in die Tasche – ganz unten,
damit es nicht gestohlen wird.

Bringt das Pfand zurück

Bringt das Pfand zurück

Ich liebe es, spazieren zu gehen. Frische Luft, grüne Wiesen, das Rauschen der Bäume.
Aber wisst ihr, was ich mittlerweile häufiger sehe als Blumen?
Dosen. Flaschen. Verpackungen. Müll.

Zwischen Löwenzahn und Butterblumen glänzt das Aluminium.
Wo Kühe grasen sollten, liegen Dosen.

Ich frage mich ernsthaft: Wie kann das sein?
Wir planen Reisen, gestalten unsere Freizeit bis ins Detail, wählen das perfekte Outfit für die Wanderung – 
aber eine leere Flasche mitnehmen und in einem Abfalleimer entsorgen, schaffen wir nicht?

Darum mein Vorschlag:
Bringt das Pfand zurück. Und zwar auf alle Flaschen und Dosen.
Nicht fünf oder zehn Rappen, sondern einen Franken. Pro Stück.

Damit achtloses Wegwerfen endlich weh tut.
Damit Müll nicht länger billiger ist als Anstand.
Und damit jeder, der trotzdem etwas liegen lässt, wenigstens jemand anderem die Chance gibt, es aufzuheben – und dafür belohnt zu werden.

Ich bin überzeugt:
Ein Franken Pfand würde mehr verändern als hundert Appelle.
Denn manchmal braucht es keine Moralpredigt.
Sondern einfach einen Anreiz.