Frieden ist out

Frieden ist out

Neulich war ich auf Geschenkejagd. Das Geburtstagskind hatte einen ganz simplen Wunsch: „Ruhe und Frieden.“
Na also, dachte ich – leicht gemacht.

„Ruhe“ war schnell besorgt: Ein Tee mit der Aufschrift Ruhe. Zack, erledigt.
Jetzt noch Frieden. Sollte ja kein Problem sein. Dachte ich.

Aber dann: Fehlanzeige. 
Kein Schlüsselanhänger mit Peace-Zeichen. Keine Postkarten. Keine Sticker. Keine T-Shirts. Keine bunten Brillen. Keine Flaggen. Nichts. Wo sind all die Produkte mit dem Peace Zeichen hin? Früher war doch alles voll damit.

Stattdessen stapeln sich Produkte mit Namen wie Energy, Jungle, Anarchy.
Kosmetik, Drinks, Klamotten – alles da. Aber Peace? Nicht verfügbar.

Erst nach langem Suchen stiess ich doch noch auf einen kleinen Restbestand: Love & Peace Gummibärchen.
Immerhin.

Und da habe ich mich gefragt:
Wenn Frieden nur noch als Restposten im Regal steht – was sagt das über unsere Zeit? Dass es für Frieden offenbar keine grosse Nachfrage mehr zu geben scheint?

Vielleicht ist Frieden wirklich out. Vermutlich nicht nur als Produkt. Sondern leider auch als Haltung.

Nicht zurücklehnen! – Das ungeschriebene Gesetz der Flugzeugkabine

Nicht zurücklehnen! – Das ungeschriebene Gesetz der Flugzeugkabine

Kaum hat das Flugzeug abgehoben, beginnt das Spiel: Die Sitzlehnen-Lotterie.
Man hat 2 Stunden Schlafdefizit, einen Nacken, der schon beim Einsteigen knackt, und einen Bildschirm im Vordersitz, der sich im 45-Grad-Winkel auch wunderbar als Kinnstütze eignen würde. Und da ist sie: die kleine silberne Taste an der Armlehne. Sie lockt. Sie flüstert: „Drück mich! Lehn dich zurück, entspann dich, geniesse den Flug.“

Doch wehe, man tut es.

Denn in der ungeschriebenen Flugzeugverfassung, Artikel 1, steht: „Du sollst die Lehne niemals nach hinten stellen.“
Warum? Weil man sonst den Sitznachbarn hinter sich in eine Art Tetris-Endlevel zwingt: Knie, Laptop, Plastiktablett – alles wird zu einem verzweifelten Architekturprojekt.

Aber mal ehrlich: Wieso gibt es überhaupt diese Funktion, wenn man sie nicht benutzen soll? Das ist, als würde man in einem Restaurant Messer auf den Tisch legen und dann alle empört rufen, wenn jemand sein Steak damit schneidet.

Vielleicht sollten Airlines es einfach ehrlich lösen. Statt Knöpfen baut man rote Aufkleber an die Rückenlehne: „Diesen Sitz dürfen Sie nach hinten stellen, wenn Sie den Hass von 250 Passagieren ertragen.“

Oder man führt Bonuskarten ein: Nach fünf absolvierten Flügen ohne Lehnenbewegung bekommt man von der Crew eine kleine Medaille „Heldin der Rückenfreiheit“.

Bis dahin bleibt es beim absurden Ritual: Wir sitzen kerzengerade, mit eingeklemmten Knien und müden Nacken, in der Angst, das Tabu zu brechen. Und währenddessen fliegt das Flugzeug durch die Lüfte, von einem Land ins andere, von einer Kultur zur nächsten – aber in der Kabine herrscht überall die gleiche Regel:

Nicht zurücklehnen!

Gender und die Rückkehr der Stereotype

Gender und die Rückkehr der Stereotype

Ich frage mich in letzter Zeit, ob die Gender-Debatte nicht genau das Gegenteil von dem bewirkt, was sie eigentlich wollte. Statt mehr Verständnis, mehr Schutz und mehr Freiheit scheint die Diskriminierung zuzunehmen – für Frauen, für Homosexuelle, für Trans- und non-binäre Menschen.

Das Anliegen wäre gut: Benachteiligte Gruppen sichtbar machen, ihnen Raum geben, Diskriminierung abbauen.

Doch die Realität? Immer öfter lese ich von Anfeindungen. Frauen, die nicht ins Barbie-Ideal passen – z.B. kurze Haare, kräftige Statur – werden auf Damentoiletten schräg angeschaut, sogar angefeindet – weil man sie für Männer hält, die sich einschleichen. Noch vor wenigen Jahren war das kein Thema. Jetzt wird ihr Frausein plötzlich misstrauisch beäugt, als müsste man Beweise vorlegen, was zwischen den Beinen ist. 

Auch Männer spüren den Druck. Schon Herbert Grönemeyer hat gefragt: Wann ist ein Mann ein Mann? Die Antworten, die junge Männer heute in den sozialen Medien finden, sind oft radikal – und alles andere als befreiend.

Ironischerweise scheint die hitzige Gender-Debatte ein sehr enges, altmodisches Frauen- und Männerbild zu zementieren.

  • Für Frauen: Zierlich, lange Haare, geschminkt, möglichst gefällig. Wer dem nicht entspricht, steht unter Verdacht.
  • Für Männer: Ein knallharter Muskelprotz mit viel Geld muss man sein, um dazuzugehören.

Am Ende läuft es auf die uralten Klischees hinaus: Die Frau reduziert zur Gebärmaschine, der Mann degradiert zum Bancomat. Und jene, die in keine dieser Schubladen passen, stehen noch stärker im Feuer des Hasses und der Gewalt. Genau diese Stereotypen wollten wir doch eigentlich überwinden.

Haben wir das Ziel verfehlt? Statt Ermächtigung scheint eine Welle der Erniedrigung über jene hereinzubrechen, die wir eigentlich schützen sollten. Oder könnte es sein, dass es sich hierbei um das berühmte Aufbäumen vor dem Fall handelt? Ein letztes, schrilles Zucken der alten Stereotype - bevor sie endgültig verschwinden?

Klar ist: Die Dauerpräsenz in Medien und Politik ist definitiv nicht nur Schutzschild, sondern auch Brandbeschleuniger für Hass. Deshalb sollte der Scheinwerfer der Aufmerksamkeit immer verantwortungsvoll eingesetzt werden.

The hot Härdöpfel

The hot Härdöpfel

Es gibt diese Aufgaben, die so unangenehm sind, dass man sie am liebsten mit einer Grillzange anfasst und weit, weit wegschiebt. In der Schweiz sagen wir dazu: Den heissen Härdöpfel weitergeben. Und ich schwöre, ich habe schon Härdöpfel gesehen, die seit Jahren in einer unsichtbaren Pfanne zwischen Menschen hin- und herhüpfen, ohne dass sich je jemand die Mühe gemacht hätte, sie zu schälen.

Der Klassiker im Elternhaus: Wer sagt dem Grossvater, dass er vielleicht nicht mehr Autofahren sollte? Alle wissen, es ist gefährlich. Alle hoffen, jemand anderes macht es.

An Sitzungen: Ein Konzept ist von Anfang an schlecht durchdacht. Alle spüren es, alle verdrehen innerlich die Augen. Aber keiner wagt es, offen zu sagen: „Das funktioniert so nicht.“ Stattdessen diskutiert man in der dritten Runde über Schriftarten und Logos. Der Härdöpfel liegt mitten auf dem Tisch und dampft wie ein Gulaschtopf.

Im Verein: Die Jahresrechnung weist ein fettes Minus aus. Man müsste dringend die Mitgliederbeiträge erhöhen. Doch keiner will derjenige sein, der das vorschlägt. Also wird diskutiert, ob man vielleicht nächstes Jahr das Kuchenbuffet am Dorffest etwas teurer machen könnte. Der Härdöpfel brennt weiter.

In der Politik: Ein Entscheid ist bitter nötig, aber unpopulär. Alle wissen, es muss sein. Doch jeder schaut auf die nächste Wahl und denkt: Bitte, lass jemand anderes den Härdöpfel schälen.

Manchmal, seien wir ehrlich, wird der Härdöpfel so oft hin- und hergeworfen, dass er sich in etwas völlig Neues verwandelt. Aus einer einfachen Entscheidung wird ein zehnseitiger E-Mail-Thread mit CC an die halbe Belegschaft. Aus einer kurzen Ansage wird ein Drei-Monats-Projekt mit vier Workshops, PowerPoint und anschliessender Evaluation. Nur weil niemand am Anfang einfach das Messer genommen und das Ding geschält hat.

Manchmal muss man den Mut haben, den heissen Härdöpfel in die Hand zu nehmen – ja, er brennt kurz. Ja, man macht sich vielleicht nicht beliebter. Aber wisst ihr was? Danach ist Ruhe. Keine endlosen Sitzungen, kein Ping-Pong, kein «wir müssen das nochmals besprechen».

Also, liebe Leute: Packt den scheiss Härdöpfel und schält ihn! Er schmeckt am Schluss meistens besser, als ihr denkt.