Warum schlechte Beziehungen uns allen schaden – und gute Beziehungen Gold wert sind

Warum schlechte Beziehungen uns allen schaden – und gute Beziehungen Gold wert sind

Wir kennen es alle: Eine schlechte Beziehung kann unser Leben vergiften. Ob in einer Ehe, in der Nachbarschaft oder am Arbeitsplatz – Misstrauen, Missgunst oder Groll ziehen Energie ab, zerstören Lebensqualität und wirken sich sogar auf Gesundheit und Wohlstand aus.

Doch im Kleinen wie im Grossen gilt: In der Politik sind die Folgen noch gravierender. Schlechte Beziehungen zwischen politischen Akteuren führen zu unmittelbaren Nachteilen für die Bevölkerung.

  • Gemeindeübergreifende Projekte bleiben stecken.

  • Notwendige Kooperationen scheitern.

  • Wir müssen teurer importieren, werden von Leistungen ausgeschlossen – im schlimmsten Fall eskaliert es bis zum Krieg.

Schlechte politische Beziehungen sind eine der stillen, aber wesentlichen Ursachen für gesellschaftliches Leid.

Darum mein Appell: Wir müssen wieder mehr in gute Beziehungen investieren – bewusst und langfristig. Denn gute Beziehungen bedeuten Fortschritt, Sicherheit, mehr Möglichkeiten, Effizienz und sogar Frieden.

  • Auf einer guten Basis sind Wege kurz und unbürokratisch.

  • Anliegen werden wohlwollender geprüft.

  • Kompromisse entstehen leichter.

  • Selbst Streit kann konstruktiv verlaufen – man bleibt im Gespräch, selbst wenn man nicht einer Meinung ist.

Ein Konflikt auf Basis einer schlechten Beziehung endet dagegen oft im Bruch. Und leider gibt es immer Kräfte, die genau darauf hinarbeiten – aus Egoismus, Machtgier oder schlicht aus irrationalen Gründen. Das schadet uns allen.

Unterschätzt nie die Macht einer guten Beziehung.
Sie ist kein „Nice-to-have“, sondern die Grundlage dafür, dass wir als Gesellschaft funktionieren – im Kleinen wie im Grossen.

Nicht das Familienmodell ist das Problem. Sondern das System.

Nicht das Familienmodell ist das Problem. Sondern das System.

Unsere Gesellschaft hat sich verändert. Und das ist gut so.
Rollenbilder werden hinterfragt, neue Lebensentwürfe ausprobiert, alte Muster aufgebrochen. Immer mehr Frauen machen Karriere, immer mehr Männer übernehmen Care-Arbeit. Vielfalt ist gewachsen – aber mit ihr auch die Tendenz, einander zu bewerten. Zu sagen, was richtig ist. Und was falsch.

Wer heute als Mutter zu Hause bleibt, wird schnell belächelt. Wer früh wieder arbeiten geht, wird genauso kritisiert. Wer Glück hat und einen Kitaplatz bekommt - also die Kinder fremdbetreuen lässt - muss sich erklären. Wer sie selbst betreut, ebenfalls.
So tun, als ob es nur ein richtiges Familienmodell gäbe – das war früher so. Und scheint heute wieder en vogue zu sein. Nur mit umgekehrtem Vorzeichen.

Aber ganz ehrlich: Nicht das traditionelle Familienmodell ist das Problem. Sondern das System, das es bestraft.

Denn was ist heute die Realität?
Wer sich entscheidet, zu Hause die Kinder zu betreuen – meist die Frau –, gerät oft in eine finanzielle Abhängigkeit, die später in Altersarmut münden kann. Und das, obwohl genau diese unbezahlte Arbeit unsere Gesellschaft überhaupt erst am Laufen hält.

Gleichzeitig wird es für viele Familien immer schwieriger, sich überhaupt zu entscheiden. Die Wahrheit ist: Viele Paare müssen heute beide hochprozentig arbeiten, um über die Runden zu kommen. Wer das nicht tut – oder nicht tun kann – zahlt drauf: finanziell, karrieretechnisch, fürs Alter. Vor allem Frauen. Der Druck kommt von allen Seiten: vom Arbeitsmarkt, von der Steuerpolitik, von der Rentenlogik.

Gleichzeitig wird es Müttern oft schwer gemacht, nach der Geburt wieder einzusteigen. Aber sie tun es, weil sie wissen: Wenn sie nicht sofort zurück in den Job gehen, sind sie raus. Und im schlimmsten Fall später auf sich allein gestellt – ohne Absicherung, ohne Rente. Wer nach der Geburt nicht schnell wieder arbeitet, verliert nicht nur den Anschluss, sondern auch die Absicherung.

Wenn beide Elternteile voll arbeiten, steht oft keine bezahlbare, gute Betreuung zur Verfügung. Das ist kein freies System – das ist ein Zwangskorsett.

Wir brauchen keinen Kulturkampf um das richtige Leben.
Was wir brauchen, ist ein System, das Care-Arbeit ernst nimmt. Das Eltern ermöglicht, frei zu entscheiden – ohne Druck, ohne Schuldgefühle, ohne Nachteile.

Ich bin überzeugt: Wir brauchen ein System, das Wahlfreiheit ermöglicht – ohne Risiko, ohne Reue.
Ein System, das nicht bestimmte Modelle belohnt oder andere bestraft, sondern Eltern dort unterstützt, wo sie sind.
Tatsache ist, dass man sich heute nicht wirklich frei entscheiden kann.

Rücksichtslos sind immer die anderen

Rücksichtslos sind immer die anderen

Immer mehr Menschen sagen: „Die Rücksichtslosigkeit nimmt zu.“ Das Vertrauen in das „Wir“ sinkt tendenziell. Menschen fühlen sich häufiger alleingelassen, überfordert oder enttäuscht von anderen.

Gleichzeitig zeigen Umfragen, dass viele Menschen von sich selbst glauben, sehr rücksichtsvoll zu sein. Fazit: Die anderen sind schuld.

Hier geht etwas offensichtlich nicht auf. Leiden wir etwa an einer Wahrnehmungsverzerrung? Oder hat sich unsere Welt einfach so verändert, dass Rücksicht schwieriger geworden ist? 

 

Zwischen Dichte- und Dauerstress

Vielleicht sind wir gar nicht rücksichtsloser – sondern nur erschöpfter und reizüberfluteter.

An Bahnhöfen, in vollen Zügen, auf Wanderwegen, in Altstädten – überall dort, wo viele Menschen auf engem Raum zusammentreffen, steigt das Konfliktpotenzial. Je dichter es wird, desto leichter geraten wir einander sprichwörtlich auf die Füsse – und desto weniger Geduld bringen wir mit.

Hinzu kommt: Der Alltag ist vollgetaktet. Wer ständig unter Strom steht – ob durch Überlastung, Lärm, News-Ticker, To-do-Listen oder Dauerverfügbarkeit – hat weniger Energie für das Gegenüber.

Gleichzeitig scheint unsere Sensibilität für Störungen gestiegen zu sein: Geräusche, Verhalten, Sprache – vieles, was früher einfach hingenommen wurde, wird heute als übergriffig oder respektlos erlebt. Das ist kein Rückschritt, sondern auch ein Ausdruck von gewachsener Aufmerksamkeit für Grenzen und Bedürfnisse. Aber es führt zu mehr Reibung – besonders, wenn sich zwei verschiedene Selbstverständlichkeiten gegenüberstehen.

Rücksicht ist heute nicht einfacher, sondern anspruchsvoller.

 

Tourismus: willkommen, aber bitte rücksichtsvoll

Ein sehr aktuelles Beispiel: der Tourismus.

Die einen kommen zum Spass und zur Erholung. Die anderen leben dort – arbeiten, pendeln, sorgen für Infrastruktur, Ordnung und Sicherheit. Wenn Wanderwege zur Müllhalde werden und private Grundstücke zur Selfie-Zone, ist Rücksicht keine Kür mehr, sondern bitter nötig. Kommt auch noch die Blechpest hinzu, wird aus Idylle Stillstand: verstopfte Strassen, zugeparkte Gehwege, genervte Gesichter.

Was fehlt, ist das gegenseitige Bewusstsein: Dass die eigene Auszeit nicht auf Kosten anderer gehen darf. Und dass Einheimische keine Statisten in einer touristischen Inszenierung sind. Umgekehrt erleben Touristen das genervte Stirnrunzeln der Einheimischen als unnötig ablehnend – "Warum macht ihr Werbung für eure Region, wenn ihr wollt, dass niemand kommt?“

Es braucht gegenseitiges Verständnis. Der Blick für das Leben der anderen. Für die unterschiedlichen Kontexte.

Der eine will entspannen, der andere zur Arbeit.

Der eine fotografiert die Idylle, der andere lebt mitten in ihr – mit Müllentsorgung, Schulweg und Stau.

 

Was ist eigentlich passiert?

Vielleicht erleben wir heute nicht mehr Rücksichtslosigkeit – sondern mehr Situationen, in denen Rücksicht gefordert wäre.

Unsere Gesellschaft ist vielfältiger, dichter, hektischer geworden. Öffentliche Räume werden von immer mehr Menschen auf immer unterschiedlichere Weise genutzt.

Vielleicht stimmt es: Die Rücksichtslosigkeit nimmt zu.

Vielleicht stimmt auch gleichzeitig das Gegenteil: Wir sind empfindlicher geworden.

Am wahrscheinlichsten aber ist: Wir befinden uns in einer Zeit, in der das Miteinander neu verhandelt wird.

Kinder willkommen!

Kinder willkommen!

Vor Kurzem war ich in Mailand. Mein Mann hatte mich eingeladen, seine Freunde zu besuchen. Eine ecuadorianische Familie, die seit Jahren in Italien lebt. Ich freute mich: Dolce Vita, gutes Essen, freundliche Menschen. 

Zwischen Pasta, Partys und ganz viel Trubel lernte ich auch eine neue Art des Familienlebens kennen – eine, die mich zuerst überforderte und dann zum Nachdenken brachte.

Schon am ersten Abend, einem Geburtstag in der Grossfamilie, wurde mir klar: Hier ticken die Uhren anders. Nicht nur ein bisschen. Ganz anders.

Es lief laute Musik und die kleine Wohnung war voll. Menschen aller Altersgruppen, von Neugeborenen bis zu den Grosseltern. Kinder wuselten durch alle Räume, stritten, lachten, schrien, schleckten Glacé, prügelten sich, trugen Babys durch die Gegend, warfen Spielzeug herum, ruinierten ihre schönen Kleider und flitzten auch noch haarscharf an einem Tisch mit Gläsern vorbei. Ich war angespannt. Mein Blick sprang von Kind zu Kind, von potenziellem Unfallherd zum nächsten Chaosmoment. Doch niemand sonst schien nervös zu sein.

Im Gegenteil: Die Erwachsenen plauderten entspannt, nippten an ihren Getränken, lachten, tanzten, sangen. Niemand rannte dauernd seinem Kind hinterher. Niemand unterbrach das Gespräch, um eine Banane zu schälen oder einen Konflikt zu schlichten. Es war laut, chaotisch und doch irgendwie friedlich.

Ich war irritiert. In meinem Umfeld wäre schon lange jemand aufgestanden, um Ordnung ins Geschehen zu bringen. Um zu erziehen. Hier aber – nichts dergleichen. Und noch überraschender: Die Kinder kommen damit klar. Sie regeln ihre Dinge selbst, holen sich, was sie brauchen, und wenn mal was passiert, flackert kurz ein Blick, eine Träne vielleicht und dann geht’s weiter.

An den nächsten Tagen das Gleiche. Ein Essen bei Freunden, ein Ausflug in die Stadt, Wocheneinkauf, sogar beim Apero in einer Bar: Kinder überall. Und überall willkommen. Niemand wurde weggeschickt, niemand sollte ruhig sein, niemand wurde früh nach Hause gebracht, weil sie "um acht Uhr ins Bett müssen". Die Kinder sind einfach mit dabei. Punkt. 

Ich beobachtete das alles mit einer Mischung aus Staunen, Überforderung und (...ja...) Urteil. In mir tobte ein Reflex: Das ist doch keine Erziehung! So wird das doch nichts! 

Aber je länger ich dabei war, desto mehr verschob sich meine Perspektive.

Denn was ich auch sah: Kinder, die frei und selbstständig waren. Die nicht bei jedem Piep von Mama getröstet oder von Papa abgelenkt wurden. Kinder, die Konflikte aushalten, sich selber versorgen, sich gegenseitig organisieren.

Und Eltern, die entspannt wirkten: Erwachsene, die arbeiten, lachen, politisieren, feiern, spontan etwas unternehmen... und irgendwie nebenbei noch Eltern sind.

In unseren Breitengraden nehme ich wahr, dass Kinder nicht selten als Störfaktor wahrgenommen werden, sobald man mit ihnen vor die Haustür tritt. Sei es im Bus, im Restaurant, an einem geselligen Anlass, im öffentlichen Raum oder in den Ferien. Die Kinder müssen schlafen, essen, still sein, funktionieren – zur richtigen Zeit, am richtigen Ort. Und wehe, sie tanzen aus der Reihe. Dann wird sich entschuldigt, gerechtfertigt, beschämt gelächelt. 

Es ist, als hätten wir verlernt, Kinder als Teil des öffentlichen Lebens zu akzeptieren. Mit all ihrem Lärm, ihrem Durcheinander, ihrer Lebendigkeit.

Bei unseren Freunden in Mailand? Da stellt sich die Frage gar nicht. Die Kinder gehören einfach dazu. Umgeben von Musik, Gesprächen, Essen, Chaos und Liebe. 

Eine perfekte Erziehung gibt es bekanntlich nicht. Wie viele Freiheiten sind zu viele? Wie streng ist zu streng?

Ob ich den Erziehungsstil „alla Milanese“ genau so übernehmen würde? Vermutlich nicht. Aber ich habe etwas mitgenommen: Lieber Chaos mit Herz als Ordnung ohne Leben.