Es gibt Dinge, die weiss man einfach, wenn man regelmässig mit dem Zug unterwegs ist. Zum Beispiel: Irgendwo in jedem Zug befindet sich mindestens eine leicht verrückte Person.
Man weiss nie genau, wer es ist. Aber man erkennt sie meistens ziemlich schnell. Sie redet mit fremden Menschen, lacht alleine oder starrt die Leute an.
Man versucht, möglichst nicht neben ihr zu sitzen.
Kürzlich fuhr ich wie so oft von St. Gallen nach Hause. Ich hatte ein halbes Büroinventar und einen halben Haushalt dabei, war ziemlich bepackt und hielt zusätzlich noch ein Schnitzelbrot in der Hand. Der Zug war gut besetzt.
Nun gilt im öffentlichen Verkehr bekanntlich ein ungeschriebenes Gesetz: Man setzt sich nur dann zu fremden Menschen, wenn wirklich keine freie Vierergruppe mehr vorhanden ist. Solange irgendwo noch ein menschenleeres Abteil existiert, wird dieses aufgesucht.
An diesem Abend waren jedoch alle Abteile bereits besetzt. Also tat ich, was getan werden musste, und setzte mich zu anderen Menschen. Ich packte mein Schnitzelbrot aus und begann zu essen.
Währenddessen strömten noch weitere Reisende in den Zug und suchten nach einem Platz. Ich schaute mich um. Und beging einen grundlegenden Fehler in der schweizerischen Zug-Etikett: Ich lächelte die Leute an. Einfach so.
Niemand lächelte zurück. Die Menschen um mich herum waren plötzlich bemerkenswert beschäftigt.
Handys wurden mit einer Konzentration betrachtet, als hinge die nationale Sicherheit davon ab. Laptops wurden geöffnet. Kopfhörer aufgesetzt. Nachrichten gelesen. Irgendwo musste offenbar gerade eine ganze Menge Weltgeschichte stattfinden, denn niemand hatte auch nur eine Sekunde Zeit, den Blick zu heben.
Ich lächelte weiter. Niemand reagierte. Blick nach unten.
Da traf mich die Erkenntnis: Nicht irgendwo in diesem Zug sass die verrückte Person.
Ich war die Verrückte.
Plötzlich fiel es wie Schuppen von meinen Augen: Da sitzt eine Frau mit mehreren Taschen und einem Schnitzelbrot, schaut wildfremde Menschen an und lächelt ihnen auch noch zu.
Natürlich schauen die weg. Denn jeder weiss, was passiert, wenn man in einem Zug versehentlich die falsche Person anlächelt.
Man lächelt höflich zurück. Die Person sagt: «Ganz schön voll heute.» Und schon ist es vorbei. Ab diesem Moment befindet man sich in einem Gespräch, das man aus Anstand nun bis zu einem gesellschaftlich vertretbaren Fluchtpunkt weiterführen muss.
Zuerst über den vollen Zug. Dann über die SBB. Dann über das Wetter. Dann darüber, dass früher sowieso alles besser war. Und ehe man sich versieht, weiss man, dass der Hund der fremden Person mit Durchfall auf Poulet reagiert, sie eigentlich wieder mal joggen gehen sollte und sie jetzt lieber im Wald als unter Menschen wäre.
Darauf hat nun wirklich niemand Lust. Also lautet die einzig vernünftige Strategie: Nicht reagieren. Nicht lächeln. Keinen Augenkontakt herstellen. Im Zweifelsfall auf dem Handy eine Excel-Tabelle öffnen und so tun, als müsse sie bis Buchs fertig sein.
Ich schaute mich nochmals im Waggon um: Kopfhörer. Handys. Laptops. Gesenkter Blick.
Und ich mittendrin. Mit meinem Schnitzelbrot. Lächelnd. Starrend.
Meine Güte.
Ich war tatsächlich die Verrückte.
Ich reagierte sofort. Nahm mein Handy hervor. Dann meine Kopfhörer. Steckte sie demonstrativ in die Ohren. Blick aufs Display.
Und ich schwöre, ich konnte förmlich spüren, wie eine Welle der Erleichterung durch den Waggon ging.
Nochmals Glück gehabt. Sie scheint doch normal zu sein.
