Eine Pendlergeschichte aus der biologischen Kampfzone.
Es ist Oktober. Die Blätter fallen, die Temperaturen sinken und die Schweizer Bevölkerung hat offenbar beschlossen, ihre Atemwegserkrankungen gemeinschaftlich im öffentlichen Verkehr auszukurieren.
Gestern Morgen sass ich im Zug nach St. Gallen. Wobei «sass» etwas beschönigend klingt. Ich befand mich in einer fahrenden Petrischale, umgeben von einer beeindruckenden Vielfalt menschlicher Geräusche und Körperflüssigkeiten.
Es begann mit einem leisen Hüsteln.
Hüstel.
Zwei Reihen weiter antwortete ein kräftiges CHRRRÖÖÖCH!
Von hinten folgte ein trockenes HACK-HACK-HACK!, gefolgt von einem tiefen, feuchten Röcheln, bei dem ich unwillkürlich an die letzten Atemzüge eines sterbenden Staubsaugers denken musste.
Und dann ging es richtig los.
Ein Hustenchor! Fein säuberlich über den ganzen Wagen verteilt. Sopran, Alt, Tenor und irgendwo hinter mir ein Bass, der klang, als würde jemand versuchen, einen ausgewachsenen Dachs aus seiner Luftröhre zu befördern.
Ein Kanon der Körperfunktionen. Kaum hatte sich die eine Lunge beruhigt, setzte die nächste zum grossen Finale an.
Dazwischen wurde geschnieft, geschnäuzt, geräuspert und hochgezogen.
Ich sass mittendrin und versuchte, möglichst wenig zu atmen. Was bekanntlich auf Dauer schwierig ist.
Und dann waren da noch die Gerüche.
Es ist erstaunlich, was ein menschlicher Körper an einem gewöhnlichen Donnerstagmorgen alles ausdünsten kann. Eine Mischung aus feuchten Jacken, ungewaschenen Haaren, abgestandenem Kaffee, Morgenmundgeruch, schwer definierbaren Körperausdünstungen und jenem eigentümlichen Geruch, den ich nur als «krankes Schlafzimmer bei geschlossenen Fenstern» beschreiben kann.
Der Mann schräg gegenüber hustete inzwischen so energisch, dass ich kurz überlegte, ob ich ihm einen Priester oder einen Ersatzteilkatalog anbieten sollte.
Und immer wieder diese Geräusche.
HACK! CHRRR! HÜSTEL! SCHNIIIIEF!
Dann kam St. Margrethen.
Und mit St. Margrethen kam er.
Ein Mann stieg ein und setzte sich neben mich.
Er hustete nicht. Er schniefte nicht. Er röchelte nicht. Er roch sogar gut.
Ich war fassungslos.
Eine offenbar frisch geduschte, gepflegte Person, die einfach nur dasass und ruhig durch die Nase atmete. Wie ein ganz normaler, gesunder Mensch!
Ein Wunder der Evolution.
Er duftete angenehm nach Duschgel oder einem dezenten Parfüm. Nach Sauberkeit. Nach Hoffnung. Nach einer Welt, in der man sich morgens wäscht und seine Bronchien nicht vor Publikum entleert.
Am liebsten hätte ich ihm die Hand geschüttelt. Oder ihm einen Blumenstrauss überreicht. Vielleicht sogar einen kleinen Orden: Für besondere Verdienste um die olfaktorische und akustische Lebensqualität im öffentlichen Verkehr.
Stattdessen sass ich einfach da und genoss seine Anwesenheit. Während rundherum weiterhin die Grippe-Festspiele stattfanden, war auf meinem Nebensitz ein kleines Stück Zivilisation eingekehrt.
Natürlich weiss ich, dass niemand freiwillig krank ist. Dass man manchmal trotz Erkältung zur Arbeit muss. Und dass ein Husten nicht automatisch bedeutet, dass jemand eine biologische Bedrohung darstellt.
Aber meine Güte.
Ein Taschentuch. Ein bisschen Rücksicht. Vielleicht einfach mal zu Hause bleiben, wenn das Fieberthermometer kurz vor der Kernschmelze steht. Und gelegentlich eine Dusche.
Ist das wirklich zu viel verlangt?
Als ich in St. Gallen ausstieg, sog ich die frische Morgenluft ein. Tief und dankbar. Vermutlich hatte ich mir inzwischen mindestens drei verschiedene Erkältungsviren eingefangen, aber das war ein Problem für mein zukünftiges Ich.