Heute vor 43 Jahren, am 19. Oktober 1983, traf der Bundesrat einen folgenschweren Entscheid: Innerorts sollte künftig Tempo 50 statt Tempo 60 gelten. Die Schweiz stand vor einer verkehrspolitischen Revolution. Zehn Stundenkilometer weniger! Mitten im Dorf! Einfach so! Man stelle sich die Aufregung vor. Die Autofahrer mussten vom Gas. Der Staat griff in die Freiheit ein. Und vermutlich befürchtete manch einer, dass die Schweizer Wirtschaft fortan im zweiten Gang unterwegs sein würde.
Spoiler: Die Schweiz hat überlebt.
Bis 1984 durfte man innerorts grundsätzlich noch mit 60 km/h unterwegs sein. Dann kam Tempo 50. Nach erfolgreichen Versuchen, politischen Diskussionen und einem bundesrätlichen Entscheid. Auch die Beschilderung erhielt einen neuen Anstrich. Das kleine Wörtchen «Generell» hielt Einzug auf unseren Tempo-50-Tafeln. Damit war klar: Die Regel gilt im ganzen entsprechenden Siedlungsgebiet, nicht bloss bis zur nächsten Kreuzung. Wie sich die Zeiten ändern. Heute würde wohl eine Arbeitsgruppe eingesetzt, um zu klären, ob das Wort «Generell» nicht einen unverhältnismässigen Eingriff in die persönliche Freiheit darstellt.
43 Jahre später ist Tempo 50 so schweizerisch wie Cervelat, Alpabfahrten und Krankenkassenprämien. Kaum jemand möchte zurück zu Tempo 60 in unseren Dorfzentren. Niemand vermisst ernsthaft jene zehn Stundenkilometer, um die damals gestritten wurde.
Dafür streiten wir heute über Tempo 30.
Wieder geht es um Sicherheit, Lärm, Lebensqualität, Verkehrsfluss und Freiheit. Wieder stehen sich Menschen gegenüber, die unterschiedliche Vorstellungen davon haben, wem unsere Strassen dienen sollen.
Natürlich gibt es auch berechtigte Fragen. Nicht jede Strasse ist gleich. Hauptverkehrsachsen haben andere Aufgaben als Quartierstrassen. Und auch die Interessen des öffentlichen Verkehrs und des Gewerbes verdienen Beachtung. Aber manchmal beschleicht mich der Verdacht, dass manche Menschen bei Veränderungen reflexartig zuerst einmal auf die Bremse treten. Ausser beim Autofahren. Dort möchten wir das Bremsen möglichst vermeiden.
Ich mache kein Geheimnis daraus: Ich bin eine überzeugte Befürworterin von Tempo 30. Nicht überall um jeden Preis. Aber überall dort, wo es sinnvoll ist und Menschen davon profitieren. Denn ein Dorf ist mehr als eine Ansammlung von Strassen, auf denen man möglichst zügig von A nach B kommen möchte.
Da wohnen Menschen. Da gehen Kinder zur Schule. Da überqueren ältere Personen die Strasse. Da möchte jemand im Strassencafé seinen Cappuccino geniessen, ohne dass die vorbeifahrenden Autos den Milchschaum wegblasen.
Zugegeben, auch ich ertappe mich manchmal dabei, wie ich bei Tempo 30 ungeduldig auf den Tacho schaue. Dabei verliere ich kaum Zeit. Tatsächlich beträgt der Zeitverlust meist nur wenige Sekunden. Offenbar ist mein persönliches Zeitempfinden nicht immer ganz wissenschaftlich fundiert.
Die Forschung zeigt zudem längst, dass tiefere Geschwindigkeiten schwere Unfälle verhindern, Strassenlärm sowie auch die Abnutzung reduzieren. Das ist keine Frage der politischen Gesinnung, sondern der Physik.
Ein Bremsweg kennt schliesslich keine Parteizugehörigkeit.
Vielleicht schauen die Menschen im Jahr 2069 auf unsere heutigen Tempo-30-Debatten zurück und schütteln ungläubig den Kopf. «Die haben sich deswegen gestritten? Wegen 20 Stundenkilometern?»
Vielleicht wird Tempo 30 dann vielerorts so selbstverständlich sein wie heute Tempo 50. Die Geschichte ist voll von Veränderungen, gegen die einst erbittert gekämpft wurde und auf die heute kaum jemand verzichten möchte. Was gestern noch als Zumutung galt, ist heute eine Selbstverständlichkeit. Und morgen fragen wir uns vielleicht, worüber wir uns eigentlich so aufgeregt haben.
Happy Birthday, Tempo 50! 🎂
Liebes Tempo 50,
du bist heute 43 Jahre alt. Du warst einst eine umstrittene Neuerung, heute bist du eine Selbstverständlichkeit.
Du hast weder unsere Freiheit abgeschafft noch die Schweizer Wirtschaft zum Stillstand gebracht.
Und vielleicht hast du uns sogar etwas beigebracht: Dass Fortschritt nicht immer bedeutet, schneller unterwegs zu sein.
Manchmal bedeutet er auch, rechtzeitig abzubremsen.
Und keine Sorge: Nur weil ich Tempo 30 mag, will ich dich nicht überall abschaffen. Ich finde einfach, es wird langsam Zeit, dass du dir die Strassen mit der jüngeren Generation teilst. 😉