Einst noch stand ich im Feld, und dunkel lagerte Regen über dem Gonzengebirg, schwer hing der Himmel herab.
Erde klebte am Schuh, und müde schritt ich zur Furche, prüfte den Wind und das Korn, dachte an Winter und Brot.
Plötzlich erlosch mir die Welt. Kein Donner, kein Ruf und kein Zeichen.
Als ich die Augen erhob, stand ich in Sargans und doch
war es nicht Sargans mehr, das Dorf, das gestern ich kannte.
Fremd war die Strasse, das Licht, fremd jeder Schritt und jedes Haus.
Wagen rasten dahin, doch kein Ross zog ihre Räder.
Lichter brannten bei Nacht, ohne dass Flammen sie nährten.
Häuser ragten empor, wie Türme mächtiger Herren.
Nur auf dem Hügel das Schloss stand noch und schaute herab.
Da erst dankte ich Gott: Noch war nicht alles verschwunden.
Stein hatte länger gelebt als meine ganze Welt.
Bald erfuhr ich die Zahl der Jahre, die zwischen uns lagen.
Jahrhundert lag über Jahrhundert, wie Schnee auf vergangenem Land.
Menschen lebten nun reich, wie Könige niemals gelebt hatten,
und sie bemerkten es kaum. Das war das Erste, das mich betrübte.
Wasser sprang aus der Wand, und warm war es, wann sie es wollten.
Feuerlos leuchtete Licht, Wärme durchströmte das Haus.
Niemand musste im Frost vor Tagesanbruch zum Brunnen,
niemand die Glut noch bewachen, niemand das Holz heimwärts ziehn.
Und ihre Tische, o Himmel, sie bogen sich fast unter Speisen:
Früchte aus fernestem Land, Milch und Gewürze und Fleisch,
Brote, so weiss wie ein Fest, und Süsses in hundert Gestalten.
Nahrung, für die wir gebetet, lag hier im Überfluss da.
Doch ich sah einen Menschen ein Brot in den Unrat werfen.
Gestern gebacken nur war's. Heute genügte es nicht.
Lange betrachtete ich die Hand, die achtlos es fortwarf.
Wusste sie nicht, was sie tat? Oder war Hunger nur fern?
Manchmal, so dachte ich still, ist Reichtum ein seltsames Leiden:
Wer ihn am längsten besitzt, sieht seinen Reichtum nicht mehr.
Auch ihre Ärzte erschienen mir mächtiger fast als die Zaubrer.
Tief in den Leib sah ihr Blick, ohne zu öffnen die Haut.
Fieber, das Kinder uns nahm, und Frauen im Bette des Kindbetts,
Seuchen, vor denen ein Fürst ebenso zitterte wie wir, hatten sie vielfach besiegt.
Und Menschen wurden nun achtzig, manche gar neunzig an Jahren,
kaum glaublich erschien mir ihr Los.
Doch ich vernahm sie beklagen die Falten, die Schwäche, das Altern.
Wir baten um Jahre. Sie klagten, weil ihnen die Jahre geschah'n.
Wunderlich war die Gewalt, die sie ihrer Obrigkeit gaben.
Nicht nur der Herr bestimmte, wer über die Menschen gebot.
Bauern entschieden nun mit, Handwerker, Frauen und Arme.
Jeder besass eine Stimme. Jeder durfte sie heben.
Einer beschimpfte die Obrigkeit laut auf öffentlicher Strasse.
Ängstlich sah ich mich um. Niemand ergriff diesen Mann.
Tags darauf schrieb er dieselben Gedanken für Tausende nieder.
Wieder erschien kein Knecht. Wieder blieb heil sein Genick.
Da musste ich lächeln und doch ward schwer mir das Herz bei dem Gedanken,
wie viele Münder einst schwiegen, weil Reden das Leben gekostet.
Grösser jedoch als die Technik erschien mir ein anderes Wunder:
Menschen vertrauten einander, obwohl sie einander nicht kannten.
Fremden vertrauten sie ihr Silber an, ihre Brücken, ihre Kranken und ihre Kinder.
Assen das Brot eines Manns, dessen Acker sie niemals gesehn.
Tausende stiegen am Morgen in Wagen zu fremden Gefährten
und erwarteten schlicht, sicher am Abend zu sein.
Keiner kannte die Hände, die Wasser durch Leitungen führten.
Keiner den Mann, der die Brücke geprüft in der Nacht.
Keiner die Frau, die Arznei in verschlossenen Räumen bereitet.
Dennoch vertraute man ihnen. Und meistens geschah, was man hoffte.
Darin, so dachte ich oft, liegt grösserer Zauber als Technik:
Dass ein Unbekannter tut, was er zu tun versprochen.
Doch diese Menschen besassen auch Tafeln, klein wie die Hand nur,
hell wie ein Irrlicht bei Nacht, mächtiger fast als ein Buch.
Mit ihnen sprachen sie weit über Berge und Meere zu Fremden,
hörten in einem Moment Stimmen vom Ende der Welt.
„Nun“, dachte ich, „müssen sie weise wie Engel geworden sein.
Wenn jeder vom andern erfährt, endet vielleicht aller Streit.“
Aber sie stritten nun schneller.
Kaum war am fernsten Ende der Erde ein Wort ausgesprochen,
wussten es Tausende schon, zürnten und schrieben zurück.
Menschen, die niemals einander im Leben begegnet wären,
hassten einander am Abend, ohne den Namen zu kennen.
Welch ein erstaunliches Ding: Die Entfernung hatten sie überwunden.
Nur nicht die kleine Distanz zwischen zwei Herzen im Streit.
Auch ihre Hast blieb mir fremd. Sie bauten Maschinen für alles,
sparten die Stunde beim Weg, sparten die Stunde beim Werk.
Was einst Tage verlangte, vollbrachten sie häufig in Stunden.
Was einst Stunden verlangte, geschah nun im Augenblick.
Doch überall hörte ich klagen: „Ich habe keine Zeit.“
Und ich verstand es nicht recht. Wohin war die Zeit denn gegangen?
Vielleicht, so dachte ich später, kann keine Maschine dem Menschen
jene Ruhe erschaffen, die er sich selber nicht gibt.
Trotzdem verspottete ich diese Welt nicht.
Denn ich sah Kinder, die spielten, wo unsere Kinder gearbeitet.
Fast jeder lernte zu lesen. Fast jeder lernte zu schreiben.
Frauen besassen ihr Gut und führten Geschäfte und Ämter,
standen vor Räten und sprachen, ohne um Erlaubnis zu flehn.
Kranke wurden gepflegt. Und wer durch Unglück verarmte,
sollte nicht einfach vergehn irgendwo hinter verschlossener Tür.
Menschen beschlossen, wenn auch nach endlosen Streiten und Zahlen,
dass man den Schwachen nicht liegen lässt, weil er schwächer nun ist.
Gewiss, sie stritten darüber, wie viel der eine solle geben,
wie viel der andere brauche, was gerecht sei und was nicht.
Doch unter dem Streit lag still ein gemeinsamer, kostbarer Wille:
"Fällst du, so sollst du nicht völlig allein auf der Strasse verbleiben."
Daran musste ich lange mich gewöhnen.
Und wohl war gerade dies das Wunder, das keiner mehr wahrnahm:
Dass Hilfe zur Ordnung geworden und Mitleid nicht bloss Zufall war.
Dann kam der Tag meiner Heimkehr.
Wieder ward schwarz mir vor Augen.
Wieder roch ich den Acker. Wieder den Rauch meines Dorfs.
Über dem Gonzen lag Abend, als wäre kein Jahr vergangen.
Meine Hände waren dieselben. Doch mein Blick war es nicht.
Menschen umringten mich bald und fragten nach all jenen Wundern:
„Jakob, erzähl von den Wagen! Fliegen die Menschen wie Vögel?
Gibt es Häuser voll Licht? Kommt warm aus den Mauern das Wasser?
Sind ihre Herren aus Gold? Haben sie niemals mehr Hunger?“
Ich erzählte von allem.
Von Strassen. Von Schienenwagen. Von Flugschiffen hoch über Wolken.
Von ihren Ärzten. Vom Licht. Von ihrem unendlichen Brot.
Dann aber schwieg ich.
„Ihr fragt“, sprach ich, „nach Dingen.
Doch das grösste Wunder der Zukunft habt ihr noch nicht verstanden:
Millionen Menschen leben dort Seite an Seite beisammen.
Fast keiner kennt den andern. Und dennoch beginnt jeder Tag.
Einer steht morgens auf und fährt einen Wagen für Fremde.
Einer hält Wasser bereit. Einer bewacht in der Nacht.
Einer pflegt einen Kranken. Ein anderer lehrt fremde Kinder.
Einer spricht Recht über Menschen, die niemals Freunde ihm waren.
Einer backt Brot für Gesichter, deren Namen er niemals erfahren.
Einer prüft still eine Brücke, die morgen ein anderer quert.
Einer löscht Feuer im Haus eines Menschen, den er nicht kennt.
Und einer hebt jemanden auf, der am Strassenrand liegt.
So bleibt das Leben gewöhnlich.
Gerade darin liegt das Wunder."
Doch was jeden Tag funktioniert, wird bald nicht mehr wahrgenommen.
Was zuverlässig geschieht, scheint wie von selber zu sein.
Wasser fliesst. Lichter brennen. Die eisernen Wagen rollen ein, wie jeden Tag.
Kinder gehn heim aus der Schule. Der Kranke erhält seine Arznei.
Und keiner denkt an die unsichtbaren Hände.
Bis eines Morgens die Schienen leer bleiben.
Bis Wasser versiegt.
Bis niemand mehr kommt.
Bis einer sagt: "Warum ich? Ein anderer soll es doch tun."
Dann erst erkennt man plötzlich die unsichtbaren Geflechte,
welche den Alltag getragen, still wie das Wurzelwerk trägt.
Darum, ihr Menschen der Zukunft, wenn je meine Stimme euch findet,
hütet nicht einzig das Geld. Hütet nicht einzig Gerät.
Hütet nicht Mauern und Strassen, nicht Wohlstand und glänzende Dinge.
Alles dies kann man ersetzen. Alles dies baut man erneut.
Hütet das stille Vertrauen.
Dass einer auch morgen noch tut, was heute sein Anteil gewesen.
Dass nicht nur jeder verlangt, sondern auch selber noch trägt.
Dass man dem Fremden noch glaubt, dem Nachbarn die Hand reichen könnte,
dass ein gegebenes Wort mehr ist als Schall in der Luft.
Denn eine Gemeinschaft stirbt nicht zuerst an leeren Kassen.
Langsam beginnt ihr Verfall, kaum sichtbar, in Herzen und Worten,
wenn jeder nur fragt, was ihm zusteht, und keiner mehr fragt, was er schuldet.
Wenn immer lauter die Frage erschallt: „Was bekomme ich?"
und immer leiser die andere: „Was trage ich bei?“