Sie sind kaum auf dem Markt, erregen sie schon viel Unmut: Smart Glasses.
Brillen, die aussehen wie ganz normale Brillen, nebenbei aber filmen, fotografieren und Ton aufnehmen können. Die Menschenrechtsorganisation HateAid geht in Deutschland inzwischen gegen den Vertrieb solcher Brillen vor. Die Begründung: Menschen könnten damit nahezu unbemerkt aufgenommen werden. Im öffentlichen Raum drohe ein permanenter Überwachungsdruck.
Ich verstehe das Unbehagen. Wirklich.
Wenn mir jemand mit seinem Smartphone offensichtlich ins Gesicht filmt, kann ich reagieren. Ich sehe das Gerät, ich sehe die Kamera, ich kann weggehen, protestieren oder zumindest innerlich schon einmal sämtliche Schimpfwörter alphabetisch sortieren.
Bei einer Brille weiss ich womöglich gar nicht, dass ich gefilmt werde. Das ist unangenehm.
Und bevor jetzt jemand denkt, ich würde hier aus sicherer Distanz über technisches Teufelszeug philosophieren: In unserem Haushalt befindet sich selbst eine Meta-Ray-Ban-Brille. Ich kenne das Ding also nicht nur aus Zeitungsartikeln.
Und ja: Ich sehe durchaus, weshalb diese Brillen faszinieren. Man kann Fotos machen, ohne das Handy hervorzunehmen. Filmen, während man beide Hände frei hat. Telefonieren, Musik hören oder Informationen abrufen.
Noch viel eindrücklicher finde ich aber etwas anderes. Ich kenne eine sehbehinderte Person, für die eine solche Brille ein echter Segen ist. Und damit bekommt die Diskussion plötzlich eine ganz andere Dimension.
Denn Smart Glasses können für Menschen mit Behinderungen weit mehr sein als ein lustiges Gadget. Gerade für blinde und sehbehinderte Menschen können sie Texte vorlesen, Gegenstände oder die Umgebung beschreiben und über Dienste wie «Be My Eyes» Unterstützung durch sehende Personen ermöglichen. Auch Menschen mit eingeschränkter Mobilität können davon profitieren, dass vieles freihändig funktioniert.
Für mich ist das ein ziemlich wichtiger Punkt. Denn Technologie, die bei mir für ein paar unterhaltsame Ferienvideos sorgt, kann einem anderen Menschen ein Stück Selbstständigkeit schenken. Und plötzlich erscheint ein pauschales Verkaufsverbot schon etwas weniger einfach.
Denn natürlich kann man eine solche Brille missbrauchen. Aber man kann sie eben auch gebrauchen.
Zusätzlich dazu beschäftigt mich an der ganzen Debatte aber eine andere Frage: Warum haben wir plötzlich so grosse Angst vor etwas, das technisch längst möglich ist?
Denn machen wir uns nichts vor: Die Perversen dieser Welt haben nicht auf die Schlaumeier-Brille gewartet.
Es ist ja nicht so, als hätten irgendwo tausende Grüsel jahrelang seufzend auf dem Sofa gesessen und gedacht: Ach, könnte ich doch nur heimlich Menschen filmen. Aber leider fehlt mir dafür die passende Brille.
Heimliche Überwachungstechnologie ist seit Jahren frei erhältlich.
Wer fünf Minuten im Internet sucht, findet Knopfkameras, Kameras in Kugelschreibern, Kameras in Schlüsselanhängern, Kameras in Weckern, Miniaturmikrofone und allerlei anderes Zeug, bei dem James Bond vermutlich etwas beleidigt wäre, weil seine streng geheimen Spezialgadgets inzwischen zu Spottpreisen online bestellt und nach Hause geliefert werden. Und ja: Solche Geräte werden definitiv missbraucht.
Kameras werden in Umkleidekabinen versteckt, auf Toiletten, in Hotelzimmern, in Wohnungen. Menschen werden heimlich beim Sex gefilmt. Frauen werden ohne ihr Wissen aufgenommen. Die Bilder und Videos landen im Internet.
Damit will ich die Smart Glasses keineswegs verharmlosen. Im Gegenteil: Sie machen heimliches Filmen tatsächlich einfacher. Man muss kein Handy mehr hochhalten. Man muss keine Kamera irgendwo verstecken. Man schaut einfach und die Kamera schaut mit.
Genau darin liegt ihre besondere Qualität und ihr besonderes Risiko. Die Grenze zwischen Wahrnehmen und Aufzeichnen wird beinahe unsichtbar.
Meta verweist auf technische Schutzmassnahmen wie ein sichtbares Aufnahmelicht. Kritiker bezweifeln jedoch, dass dieses im Alltag für andere Menschen immer ausreichend erkennbar ist. Diese Diskussion ist deshalb berechtigt. Vielleicht braucht es wirklich deutlichere Aufnahmehinweise. Vielleicht müssen bestimmte Funktionen technisch eingeschränkt werden. Und sicherlich braucht es klare Regeln, wie diese Technologie verwendet werden darf.
Aber das Problem ist ja nicht nur die Brille. Das Problem ist, was Menschen mit Technologie tun.
Und vielleicht noch wichtiger: Was danach mit den Aufnahmen geschieht.
Denn stellen wir uns vor, irgendein Grüsel filmt heimlich eine Frau in einer Umkleidekabine. Das ist schlimm genug. Aber richtig zerstörerisch wird es, wenn dieses Video anschliessend auf einer Plattform landet. Wenn es kopiert wird. Wenn es geteilt wird. Wenn andere Accounts es weiterverbreiten. Wenn Algorithmen dafür sorgen, dass tausende oder hunderttausende Menschen es sehen.
Wenn die betroffene Person versucht, das Material löschen zu lassen und feststellen muss, dass das Internet ausgezeichnet darin ist, Inhalte zu vervielfältigen und erstaunlich schlecht darin, Verantwortung dafür zu übernehmen.
Und selbst dieses Szenario ist inzwischen eigentlich schon fast altmodisch. Denn heute muss der Grüsel dich unter Umständen gar nicht mehr filmen. Künstliche Intelligenz kann ihm die Arbeit abnehmen. Ein paar Bilder können reichen. Ein Foto von Instagram. Ein Porträt auf Facebook. Ein Bild von der Firmenhomepage. Und daraus lässt sich Material erzeugen, das dich in Situationen zeigt, in denen du niemals gewesen bist.
Der Täter braucht dich als Original dafür gar nicht mehr. Er braucht nur noch irgendein Foto und eine kurze Tonaufnahme von dir. Und das verändert die Debatte fundamental.
Wir bewegen uns von einer Welt, in der Bilder von Menschen ohne deren Zustimmung aufgenommen werden können, in eine Welt, in der solche Bilder überhaupt nicht mehr aufgenommen werden müssen. Sie können einfach erzeugt werden. Sexualisierte Deepfakes sind deshalb längst Teil der Diskussion über digitale Gewalt, auch die Schweizer Internet-Initiative nennt sie ausdrücklich als Problem.
Vielleicht sollten wir deshalb nicht nur darüber diskutieren, ob eine Kamera in einer Brille, einem Kugelschreiber oder einem Handy steckt. Sondern auch darüber, welche Verantwortung diejenigen tragen, die aus solchen Aufnahmen und künstlich erzeugten Bildern Reichweite machen.
Denn das Smartphone können wir schliesslich auch nicht verbieten. Die Knopfkamera werden wir nicht aus der Welt schaffen. Die nächste Miniaturkamera wird noch kleiner sein. Und irgendwann wird vermutlich irgendein technikbegeisterter Mensch eine Kamera entwickeln, die aussieht wie ein verdammter Hemdknopf und gleichzeitig unsere Steuererklärung ausfüllen kann.
Und selbst wenn wir irgendwann sämtliche Kameras verbieten würden, könnte uns die künstliche Intelligenz inzwischen einfach eine neue Realität zusammenfantasieren.
Technologie wird immer kleiner, immer billiger, immer leistungsfähiger. Und zunehmend braucht sie nicht einmal mehr eine reale Vorlage für das, was sie produziert.
Wir können versuchen, jedes neue Gerät einzeln zu verbieten. Oder wir können uns endlich um die Regeln kümmern. Zum Beispiel darum, dass Plattformen nicht einfach sagen können: Mit dem Inhalt unserer Nutzer haben wir nichts zu tun.
Denn natürlich haben sie damit zu tun. Sie speichern ihn. Sie verbreiten ihn. Sie empfehlen ihn. Sie verdienen teilweise Geld mit der Aufmerksamkeit, die er erzeugt. Und genau an diesem Punkt wird die aktuelle Debatte für die Schweiz interessant.
Denn hier läuft derzeit die Unterschriftensammlung für die Internet-Initiative – «Zum Schutz der Grundrechte und der Demokratie im digitalen Raum».
Sie verlangt unter anderem, Anbieter von Kommunikationsplattformen, Suchmaschinen und auch Anbieter KI-basierter Systeme stärker in die Verantwortung zu nehmen. Sie sollen Menschen vor Verletzungen ihrer Grundrechte schützen und unter anderem die Verbreitung von Inhalten verhindern, die sexualisierte Gewalt enthalten.
Und plötzlich schliesst sich der Kreis ziemlich schön.
Wir können darüber streiten, ob eine bestimmte Brille verkauft werden darf. Wir können Warnlichter grösser machen. Wir können Kameras kennzeichnen. Wir können sie in Umkleidekabinen, Gerichten oder anderen sensiblen Räumen verbieten. Alles sinnvoll.
Aber solange jemand eine heimliche Aufnahme innert Sekunden ins Netz stellen kann (oder sie mit künstlicher Intelligenz gleich selbst erzeugt) und sich anschliessend Milliardenunternehmen gegenseitig erklären, warum eigentlich niemand so richtig dafür zuständig ist, haben wir das Problem nicht gelöst.
Dann haben wir lediglich sehr ausführlich über die Verpackung gesprochen.
Die sogenannte «Perversling-Brille» macht uns eines eindrücklich sichtbar: Wir leben in einer Welt, in der praktisch jeder jederzeit eine Kamera bei sich trägt.
Wir leben jedoch inzwischen auch in einer Welt, in der es nicht einmal mehr eine Kamera braucht.
Die Frage lautet deshalb längst nicht mehr nur: Können Menschen uns heimlich aufnehmen? Natürlich können sie das.
Die viel grössere Frage lautet: Was darf mit unserem Bild, unserer Stimme und unserer Identität geschehen – und wer trägt Verantwortung, wenn sie gegen unseren Willen benutzt, verändert und millionenfach verbreitet werden?
Darüber sollten wir reden.