Während die Welt brennt, streiten wir darüber, wer auf welches WC darf

Während die Welt brennt, streiten wir darüber, wer auf welches WC darf

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Vielleicht werden Historiker einmal ziemlich ratlos auf unsere Zeit zurückblicken.

Sie werden lesen von Kriegen, von hunderttausenden Toten, von brennenden Wäldern, ausgetrockneten Flüssen, Hitzerekorden und Menschen, die in ihren Wohnungen starben, weil ihre Körper die Temperaturen nicht mehr ertrugen.

Und dann werden sie die politischen Debatten derselben Jahre anschauen.

Und sich fragen: Was zur Hölle habt ihr eigentlich gemacht?

Der Sommer 2026 macht die Klimakrise in Europa wieder einmal schwer übersehbar. Der Juni war in Westeuropa der heisseste seit Beginn der Aufzeichnungen. Grosse Teile Europas waren aussergewöhnlich trocken. Flüsse führten zu wenig Wasser, Böden trockneten aus, Wälder brannten. Auch in der Schweiz erleben wir rekordtiefe Niederschläge und extrem trockene Böden.

Das ist kein abstraktes Problem irgendeiner fernen Zukunft mehr. Hitze tötet. 

Laut der "NZZ am Sonntag" sind seit der letzten Juniwoche europaweit 31'800 Menschen mehr gestorben, als es zu erwarten gewesen wäre. Hierzulande hat das Bundesamt für Statistik mitgeteilt, dass bisher 357 zusätzliche Todesfälle bei Personen ab 65 Jahren erfasst worden sind. 

Eigentlich müsste die aktuelle Situation politische Panik auslösen.

Sie müsste Parlamente beschäftigen, Wahlkämpfe dominieren, Regierungen unter Rechtfertigungsdruck setzen. Man müsste darüber streiten, wie wir Städte kühlen, Gebäude anpassen, Wälder schützen, Wasser sichern, Energieversorgung umbauen und Treibhausgasemissionen schneller reduzieren.

Stattdessen herrscht erstaunliche Ruhe.

Genau diese Frage stellte dieser Tage auch der Spiegel: Warum gibt es angesichts von Rekordtemperaturen, Niedrigwasser und Hitzetoten keinen Aufschrei für mehr Klimaschutz? Der Artikel beschreibt einen Sommer, in dem die Klimakrise so greifbar ist wie selten zuvor und eine Gesellschaft, die darauf politisch bemerkenswert lethargisch reagiert.

Vielleicht sind wir einfach beschäftigt. Mit wichtigeren Dingen. 

Zum Beispiel Toiletten.

Der Präsident der Jungen SVP Schweiz hat sich kürzlich in einem offenen Brief an den Musiker Marc Trauffer gewandt. Nicht wegen seiner Steuerpolitik. Nicht wegen seiner Haltung zur Energieversorgung. Nicht wegen Armee, Migration, Altersvorsorge oder Staatsfinanzen.

Wegen der WCs in Trauffers Erlebniswelt.

Diese sind teilweise unisex. Das genügte für einen politischen Aufschrei.

Der Präsident der Jungen SVP sprach von «woker Indoktrination», kritisierte die Bezeichnung «m/w/d» in Stelleninseraten und warnte davor, dass durch solche Entwicklungen langfristig sogar die Familie als Fundament der Gesellschaft bedroht sei. Er verlangte unter anderem die Entfernung eines Symbols an den Toiletten.

Man muss sich diesen Satz auf der Zunge zergehen lassen: Während die Schweiz austrocknet, sorgt sich ein Parteipräsident um das Piktogramm an einer WC-Tür.

Und natürlich ist das andere politische Lager nicht automatisch besser. Denn der Kulturkampf funktioniert nur, weil beide Seiten mitspielen.

Kaum ein gesellschaftliches Thema besitzt heute eine zuverlässigere Fähigkeit, politische Emotionen zu erzeugen als die Frage nach Geschlecht und Identität. Ein Wort. Ein Pronomen. Ein Formular. Eine Toilette. Und schon laufen die Empörungsmaschinen auf beiden Seiten heiss.

Das Thema ist dabei keineswegs grundsätzlich bedeutungslos.

Das jüngste britische Urteil zeigt genau das. Der Supreme Court entschied, dass sich der Begriff «sex» im britischen Equality Act auf das biologische Geschlecht bezieht. Das Urteil betrifft nicht einfach nur Toiletten, sondern unter anderem Frauenquoten, Schutzräume, Umkleiden und den rechtlichen Diskriminierungsschutz. Frauenorganisationen sehen darin einen wichtigen Schutz geschlechtsspezifischer Rechte; Kritiker befürchten Nachteile und neue Diskriminierungen für Transmenschen.

Das sind reale Interessenkonflikte. Sie verdienen eine vernünftige Lösung.

Was sie nicht verdienen, ist die Bedeutung eines Zivilisationskampfes.

Denn genau dort beginnt unser Problem.

Wir scheinen zunehmend unfähig zu sein, zwischen irgendeinem Problem und dem wichtigsten Problem der Welt zu unterscheiden.

Alles wird existenziell.

Das falsche WC-Schild bedroht plötzlich die Familie. Ein Genderstern bedroht die Sprache. Ein falsch verwendetes Pronomen wird zum Beweis gesellschaftlicher Rückständigkeit.

Und jede dieser Auseinandersetzungen lässt sich hervorragend bewirtschaften. Sie produziert Gewinner und Verlierer. Gut und Böse. Links und rechts. Woke und rechtskonservativ. 

Vor allem aber produziert sie Aufmerksamkeit.

Die Klimakrise ist dagegen politisch ausgesprochen undankbar.

Physik lässt sich nicht provozieren. Ein ausgetrockneter Fluss schreibt keine wütenden Tweets. Ein sterbender Wald beleidigt niemanden persönlich.

Und ein alter Mensch, der während einer Hitzewelle still in seiner Wohnung stirbt, eignet sich erschreckend schlecht für einen Kulturkampf.

Vielleicht erklärt das einen Teil unserer bizarren Prioritätensetzung.

Wir reagieren nicht mehr auf die grössten Gefahren. Wir reagieren auf die grössten Reize. Und diese beiden Dinge sind längst nicht dasselbe.

Während wir uns gegenseitig darüber anschreien, wer welches WC benutzen darf, erreicht die Zahl bewaffneter Konflikte weltweit historische Höchststände. Nach Daten des Uppsala Conflict Data Program starben 2025 rund 245’000 Menschen durch organisierte Gewalt.

Menschen werden erschossen, zerbombt, vertrieben. Andere sterben an Hitze. Ernten leiden unter Trockenheit. Wasser wird knapper.

Die Umweltbehörden warnen ausdrücklich, dass die Klimarisiken schneller wachsen und wir auf viele davon noch nicht ausreichend vorbereitet sind.

Aber wir diskutieren lieber über WC-Piktogramme.

Natürlich kann Politik mehrere Dinge gleichzeitig tun. Dieses Argument höre ich schon.

Und es stimmt. Wir müssen nicht entscheiden, ob wir Transmenschen vor Diskriminierung schützen oder den Klimawandel bekämpfen. Wir können beides.

Wir müssen Frauenrechte nicht gegen Klimaschutz ausspielen. Minderheitenschutz nicht gegen Sicherheitspolitik. Migration nicht gegen Altersvorsorge.

Ein moderner Staat muss tausend Probleme gleichzeitig bearbeiten.

Aber eine Gesellschaft kann nicht tausend Dingen gleichzeitig dieselbe Aufmerksamkeit schenken.

Politik bedeutet deshalb immer auch Prioritätensetzung. Und genau dort versagen wir zunehmend. 

Denn viele Politiker reden am liebsten über das, womit sie Aufmerksamkeit bekommen. Medien berichten über das, was gelesen wird. Algorithmen zeigen uns das, worauf wir reagieren. Und wir reagieren zuverlässig auf Empörung.

Ein kompliziertes Konzept zur Anpassung unserer Städte an steigende Temperaturen? Langweilig!

Eine Analyse über Wasserreserven in fünfzig Jahren? Später!

Ein milliardenschwerer Umbau unserer Energieversorgung? Zu kompliziert!

Aber jemand hat ein drittes WC-Symbol aufgehängt? SKANDAL.

Leben wir gegenwärtig unter den schlechtesten Politikern aller Zeiten? Vielleicht wäre diese Behauptung unfair gegenüber ziemlich vielen katastrophalen Herrschern der Menschheitsgeschichte.

Aber ich frage mich zunehmend, ob wir eine politische Generation erleben, die aussergewöhnlich schlecht darin geworden ist, Wichtiges von Lautem zu unterscheiden.

Politik ist immer häufiger nicht mehr die Kunst, Probleme zu lösen. Sie ist die Kunst geworden, Empörung zu verwalten.

Das Tragische daran ist, dass die Wirklichkeit bei diesem Spiel nicht mitmacht. Dem Klima ist vollkommen egal, wie viele Likes ein Beitrag über Gender erzielt. Waffen funktionieren unabhängig davon, welcher Kulturkampf gerade auf X trendet. Einem Waldbrand ist egal, ob wir links oder rechts sind.

Die Natur verhandelt nicht und interessiert sich nicht für Wahltermine.

Und irgendwann könnte eine spätere Generation tatsächlich auf unsere Zeit zurückblicken: Auf die Temperaturkurven. Auf die Waldbrände. Auf die Dürren. Auf die Kriege. Auf die Toten. Und auf unsere politischen Debatten.

Vielleicht wird sie dann feststellen, dass wir durchaus wussten, was geschieht.

Die Berichte lagen vor. Die Wissenschaft warnte. Die Bilder waren da. Die Zahlen waren da. Die Lösungen teilweise ebenfalls. Wir hatten nur gerade etwas anderes zu tun. 

Wir mussten dringend klären, wer auf welches WC darf.

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