Es riecht nach Weltmeisterschaft

Es riecht nach Weltmeisterschaft

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Es kommt wirklich selten vor, dass ich den vermeintlich "guten alten Zeiten" nachtrauere. Der Nostalgie kann man nämlich gewöhnlich nicht vertrauen. Sie behandelt die Vergangenheit mit Weichspüler, vergoldet die Erinnerung und unterschlägt grosszügig alles, was damals auch schon schwierig, eng oder ungerecht war.

Aber bei der Fussball-WM werde ich dieses Gefühl einfach nicht los: Früher hat sie mehr Spass gemacht. Sie war fröhlicher als heute. Früher fühlte es sich an, als hätte jemand für einen Monat die Fenster zur ganzen Welt geöffnet.

Ja, es ist "nur Fussball", wird mancher sagen. Nur ein Spiel. Nur ein Turnier. Nur ein Monat alle vier Jahre.

Aber für mich war es nie nur das.

Für mich war die WM Erinnerung. Sommer. Familie. Schulferien. Panini-Bilder. Fahnen an Balkonen und Autos. Mitreissende Songs, die man heute noch nach zwei Takten erkennt. Jubel, Tränen, Verlängerungen, Penaltykrimis. Dieses besondere Kribbeln, wen die ganze Welt für einen Moment auf denselben Rasen schaut.

Die WM war ein Stück Magie. Ein Spektakel, dass die Menschen über Grenzen hinweg verbunden hat. 

War.

Denn irgendwann hat sich etwas unter diese Magie gemischt. Zuerst kaum wahrnehmbar. Ein feiner Stich in der Luft. Ein Schwefelhauch zwischen Hymne und Anpfiff. Etwas Fauliges unter dem frisch gemähte Rasen, überdeckt von Sponsorenlächeln, Promis und perfekt polierten Pokalen.

Man wollte es nicht wahrhaben. Man sagte sich: Vielleicht bilde ich es mir ein. Vielleicht ist das nur die Ernüchterung des Erwachsenwerdens. Vielleicht riecht grosser Fussball eben ein bisschen nach Kommerz, nach Macht, nach Männern mit teuren Anzügen und billiger Moral.

Aber der Geruch wurde stärker.

Er zog aus den Hinterzimmern in die Stadien. Aus den Verträgen in die Übertragungen. Aus den VIP-Logen bis auf die Sofas der Menschen, die doch eigentlich nur ein Spiel schauen wollten. Er kroch durch die Eröffnungsfeier, hing in jeder pathetischen Rede, legte sich wie ein unsichtbarer Film über jede Nahaufnahme eines lächelnden Funktionärs.

Ein fischig-schwefliger Gestank. Ein Hauch von Moder, ein Flüstern aus der Tiefe. Wie ein kleines Stück Hölle, das für einen Moment die Tür geöffnet hat. 

Russland 2018. Katar 2022. Und nun diese aufgeblasene Weltmeisterschaft in Nordamerika mit Schwerpunkt USA. Noch grösser, noch lauter, noch mehr Werbung, noch mehr VIP, noch mehr politische Inszenierung, noch mehr Weltbühne für Menschen, die Fussball nicht lieben sondern benutzen. Wie faule Eier in goldenen Schalen. Immer ein bisschen mehr Glanz obendrauf, immer ein bisschen mehr Moder darunter. 

Und immer weniger Seele.

Aber am Ende schalten wir doch wieder ein. Wir hoffen. Wir fiebern mit. Das Traumtor lässt uns einen kurzen Moment fast vergessen, was da im Hintergrund fault. Auch ich werde nicht so tun, als wäre ich immun. Wenn die Schweiz spielt, schlägt mein Herz schneller. Wenn ein Aussenseiter plötzlich gross wird, wenn ein Goalie mit einer unmöglichen Parade den Ball noch aus dem Winkel fischt, wenn ein Stadion für eine Sekunde den Atem anhält und dann in Jubel ausbricht: Dann bin ich wieder da, mitten in diesem alten Zauber, den ich eigentlich verloren glaubte.

Aber es ist nicht mehr dasselbe.

Denn der Gestank ist inzwischen zu stark. Er überwindet den Bildschirm. Er sitzt neben einem auf dem Sofa, schwebt in der Luft über jedem Public Viewing. Er hängt zwischen Jubel und Zeitlupe. Er erinnert einen permanent daran, dass hier etwas nicht mehr frisch ist. Dass irgendwo in der Nähe etwas verwest.

Und vielleicht ist das der traurigste Verlust: Dass wir die WM eigentlich immer noch lieben, aber sie nicht mehr geniessen können, weil ihr dieser unerträgliche Gestank überall hin folgt. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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