Wehret den Anfängen – oder warum grausame Menschen keine Macht haben dürfen

Wehret den Anfängen – oder warum grausame Menschen keine Macht haben dürfen

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Die Handlungen sind nicht die gleichen – die Haltung aber schon.

Wer heute auf staatliche Gewalt, willkürliche Inhaftierungen, Abschiebungen ohne rechtsstaatliche Garantien oder systematische Entmenschlichung blickt, sollte vorsichtig sein mit historischen Vergleichen. Und doch wäre es fatal, den Schluss zu ziehen, dass sich gewisse Muster nicht wiederholen könnten.

Denn Massenmorde beginnen nicht mit Massengräbern.
Sie beginnen mit Sprache.
Mit Propaganda.
Mit dem schleichenden Verlust von Empathie.

Sie beginnen dort, wo komplexe Probleme plötzlich „einfache Schuldige“ bekommen.
Wo ganze Menschengruppen zu Belastungen, Gefahren oder Kostenfaktoren erklärt werden.
Wo suggeriert wird, dass alles besser würde, wenn „diese Leute“ endlich weg wären.

Das ist keine historische Ausnahme. Das ist ein universelles Muster.

In jedem bekannten Fall massiver staatlicher Gewalt – ob in Europa, Afrika oder Asien – ging der Eskalation eine Phase voraus, in der Menschen systematisch entmenschlicht wurden. Nicht als Individuen, sondern als Kategorie. Als Problem. Als Störung. Als Risiko.

Die eigentliche Gefahr liegt deshalb nicht nur in einzelnen Massnahmen, Behörden oder Regierungen.
Sondern sie liegt in der Denkweise, die dahintersteht.

In der Haltung, dass gewisse Menschen weniger wert seien.
Dass man über sie verfügen dürfe.
Dass ihre Rechte relativ seien.
Dass ihre Existenz verhandelbar sei.

Grausame Menschen sollten keine Macht haben.
Nicht, weil sie „böse“ sind – sondern weil sie strukturell gefährlich sind.

Denn sie unterscheiden nicht zwischen Freund und Feind.
Sie unterscheiden nur zwischen nützlich und hinderlich.
Zwischen heute loyal und morgen verzichtbar.

Totalitäre Persönlichkeiten haben kein stabiles Wir-Gefühl.
Sie haben nur Opportunitäten.

Das zeigt die Geschichte immer wieder:
Revolutionäre werden zu Verrätern.
Weggefährten zu Gegnern.
Helden zu Kollateralschäden.

Willkür frisst früher oder später alle.
Auch die, die sie anfangs bejubeln.

Deshalb ist „Wehret den Anfängen“ nicht nur ein moralischer Appell, sondern auch ein durch und durch rationaler.
Nicht nur ein Ausdruck von Nächstenliebe – sondern auch von Selbstschutz.

Wer heute glaubt, die Brutalität unserer Idole treffe „nur die Richtigen“, verkennt das Wesen von Macht.
Sie bleibt nie dort stehen, wo man sie ursprünglich rechtfertigt.
Sie sucht sich immer neue Zielscheiben.

Fakt ist: Grausamkeit an der Macht verbessert nicht die Welt – sie entstellt sie.

Und genau deshalb beginnt die eigentliche Verantwortung nicht erst bei den Tätern, sondern viel früher:
Bei der Wahl dessen, wem wir zuhören.
Wem wir folgen.
Wen wir für „stark“ halten.
Wessen Menschenbild wir tolerieren.
Und wem wir unsere Stimme geben.

Migration, Sicherheit, soziale Spannungen, wirtschaftliche Ängste – all das sind reale Herausforderungen.
Und dennoch: Die Probleme unserer Zeit lassen sich lösen.
Aber sie lassen sich nicht lösen, indem man in einen blinden Blutrausch verfällt.

Denn am Ende trifft die Logik der Grausamkeit immer auch uns selbst.

Wenn wir sie also nicht aus Idealismus bekämpfen, dann zumindest aus Selbstschutz.

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